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Polo 86: Kurt Waldheim gestorben PDF Drucken E-Mail
hlh_8062_90Zum Tod des ehemaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim
Haimo L. Handl, 14.6.2007

Dies soll kein Nachruf oder Nekrolog sein. Eher eine persönliche Anmerkung. Dr. Kurt Waldheim, für lange Zeit erfolgreicher, internationaler Diplomat, später verwickelt in wüste Auseinandersetzungen wegen seiner Wehrmachtszeit und isolierter Bundespräsident, der 1986 gegen den sozialdemokratischen Gegner Dr. Kurt Steyrer "jetzt erst recht" mit 54% Stimmanteil gewann, ist heute gestorben.

Ich hatte damals die Wahlkampagne von Kurt Steyrer unterstützt, mit Namen und Bild und in vielen Gesprächen und Diskussionen. Die Anschuldigungen gegen Waldheim prüfte ich, soweit das damals aufgrund der Informationslage möglich war (und die sich in den folgenden Jahren verbesserte), und war zum Schluss gekommen, dass er kein Kriegsverbrecher war, sich keiner Taten schuldig gemacht hat, die damals noch zu ahnden gewesen wären. Das war es nicht. Es war seine Art der Erinnerung und damals gegenwärtigen Interpretation, sein Rechtfertigen mit dem Verweis auf "Pflichterfüllung", seine fast panikartige Abkapselung und sein eindimensionales Beharren auf seiner Unschuld.

Subjektiv und persönlich schien mir das durchaus glaubhaft. Aber darum ging es nicht. Es ging, zumindest in meinen Augen, um Moral und die Art und Weise, wie man mit und im Gegenwartswissen mit Vergangenem umgeht. Auch ohne rechtlichen Schuldzuweis oder eine Verurteilung war für mich Waldheim als Bundespräsident nicht wählbar. Das argumentierte ich. Deshalb agitierte ich gegen ihn.

Abneigung oder Opposition gehen nach meinem Verständnis aber nicht überein, pauschal, stereotyp, vorurteilend zu verurteilen und ein Monsterbild zu zimmern, nur weil man meint, so den Gegner "erledigen" zu können.

Ich war zu jener Zeit öfters in den USA und auch in Israel. Ich kam in die absurde Situation Waldheim gegen völlig unqualifizierte Verurteilungen als SS-Scherge oder Nazi-Kriegsverbrecher verteidigen zu müssen, ganz einfach aufgrund der Faktenlage. Jahre später sollte sich zeigen, dass der Jewish World Congress wider besseres Wissen auch falsche Beschuldigungen in die Welt gesetzt hat. Jener JWC, den ich in New York ebenfalls aufgesucht hatte, um Informationen aus erster Hand zu erhalten bzw. selbst zu erkunden, wie dort argumentiert wird.

Ich war auch in Israel und habe bei Vorträgen, die ich zu Themen wie "Antisemitische Karikatur" hielt, meine kritische Haltung gegen Waldheim nicht versteckt. Später erfuhr ich von einem Botschaftsangehörigen in Tel Aviv, dass dies als negativ vermerkt worden war.

Meine Gegnerschaft sah und sehe ich nicht falsch, weil ich nie auf die Karte "Kriegsverbrechen" setzte. Mir reichte die moralische Dimension aus bzw. die Art seines "Krisenmanagements", die mir sehr missfiel.

Nach und nach zeigte sich jedoch, dass korrekte Unterscheidungen von den wenigstens gewunscht wurden. Auf beiden Seiten. Für die einen war Waldheim ein Nazischerge, ein Lügner. Für die anderen ein Verschwörungsopfer, das selbst rein gar nichts dafür konnte. Beide Positionen waren mir unhaltbar.

Jahre später war es möglich herauszuschälen, was eigentlich vorgegangen war, welch dreckige Politik getrieben wurde, in Österreich, Israel und den USA. Natürlich war Waldheim nicht unbeteiligt. Aber es war, auf der anderen Seite, nicht nur er, sein Handeln und Vergessen. Er war, unfreiwillig, zum Instrument geworden und hatte untauglich mit beigetragen, das Konzert so wüst werden zu lassen.

Während ich keinen Grund sehe, in peinliche Überhöhungen zu fallen, wie z.B. Pater Willi oder jene, die Waldheim besonders als Opfer zeichnen, will ich auch nicht in den Chor jener treten, die wie einige Israelis und US-Amerikaner weiter behaupten, Waldheim sei ein Kriegsverbrecher gewesen bzw. die USA hätten zurecht ihn auf die Watch List gesetzt, weil sie tonnenweise belastendes Material hätten, das die Historikerkommission nicht berücksichtigt hatte etc.

Auch die positive Begleiterscheinung der Geschichtsbewusstwerdung weiter Teile Österreichs rechtfertigt keinen stereotypen, lügenhaften Umgang, den man just an einer Person reklamiert, an anderen offensichtlich nicht.

Wenn offizielle Regierungsvertreter der USA oder Israels von Menschenrechten reden oder Vergangenheitsschuld, ist das nicht nur nicht glaubwürdig, sondern obszön. Als Vertreter verbrecherischer Regierungen, die sich höchst erfolgreich in Kriegsgeschäften mordend und zerstörend austoben, klingt das Urteil nicht nur schal sondern ist als verlogen beleidigend.

Würde nach den Massstäben, die man Waldheim anlegte, und gegen die per se nichts einzuwenden ist, generell gehandelt werden, müssten die Reihen jener Diplomaten und Politiker, die nicht mehr reisen dürften, mit denen nicht mehr gesprochen würde, die, kurz gesagt, exkommuniziert würden, schier endlos sein. Eine Lichtung würde sich auftun aufgrund eines Kahlschlags, wie er nicht einmal in der strengsten Entnazifizierung in Deutschland erfolgen konnte.

Doch da werden die Realpolitiker und ihre Kommentatoren in den Medien lächeln. Moral ist eines, Realpolitik anderes. Aber weshalb dann die fast irrationale Interpretation des Fänomens Waldheim? Weil es immer noch was hergibt.

Dass Antisemitismus als politisches Stimulans von der ÖVP im Wahlkampf erfolgreich eingesetzt wurde, rechtfertigt sich genauso wenig, wie die geifernden Anschuldigungen, auf die sie erfolgten. Ein Unrecht rechtfertig kein anderes. Im Rückblick wird deutlich, was sich ereignet und vorbereitet hatte: die verzweifelte SPÖ, die Boden gewinnen wollte, die ÖVP, die einen Machtwechsel anvisierte, den sie allerdings erst später als geplant auch erreichte.

Es ist müssig zu spekulieren. Was wäre gewesen, wenn Waldheim anders reagiert und geredet hätte? Wenn die ÖVP keine solche Kampagne unternommen hätte? Wenn die SPÖ nicht X Stellen im Ausland um "Hilfe" ersucht hätte, ähnlich wie nach der Wahl 1999? Die Resultate waren desaströs, wie man bald merkte. Erstaunlich, wie oft die SPÖ im Ausland Hilfe sucht, so, wie früher im Osten gewisse Kreise beim Grossen Bruder brüderliche Hilfe erbaten, die dann prompt kam (und für einige etwas anders ausfiel als vorgestellt).

(Als von politisch Korrekten prominente Franzosen nach Wien eingeladen wurden, die maliziös in öffentlichen Reden bemerkten, wie tief der Antisemitismus in Wien sei, da doch sogar ein Platz nach Herbert von Karajan benannt ist, dem bekannten Nazi, wurde mir mulmig, wissend, dass in Paris, der Hauptstadt der Revolution, einige Strassen nach Antisemiten genannt sind, ja, der Antisemitismus europäisch gesehen, besonders stark aus Frankreich stammt, vor allem von dort erst von anderen importiert worden ist. Man denke man nur an De Bonald (1754-1840), De Maistre (1753-1821), Louis Veuillot (1813-1883) Kriegstreiber und Hassprediger par excellence! oder Adolphe Thiers (1797-1877) bzw. Edouard Drumont (1844-1917), der 1889 die Antisemitische Liga Frankreichs gründete. Die Kulmination der Reaktion und des Antisemitismus in der Dreyfus-Affäre war ein Fanal und beeinflusste natürlich andere Länder sowie reaktionäre Regime und Mitläufer. - Andererseits ist imponierend, dass es in Frankreich möglich ist, einen antisemitischen Autor wie Louis-Ferdinand Céline zu rezipieren, ohne deshalb selbst als Antisemit verschrien zu werden, was gerade in Österreich unmöglich wäre...)

Hatte die SPÖ wirklich erwartet, mit solchen Aktionen österreichische Innenpolitik treiben zu können? Wie weltfremd sind dort die Strategen (gewesen), dass dies nur eine heimische, lokale Affäre sei und bleiben würde?

Waldheim hat viel ausgelöst. Jetzt ist er tot. Würde der Anlass zu einer Wissensvermittlung führen, zu einer Klarwerdung beitragen, wäre gesellschaftspolitisch etwas gewonnen. Ich befürchte, das hat sich nicht ereignet und wird sich so schnell nicht ereignen, besieht man die niedergekommene politische Kultur in unserem Land. Und die geht nun wirklich nicht auf das Konto des Verstorbenen. Das müsste eigentlich zu denken geben.
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