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Über die kunstsinnige Behinderung bzw. Abwürgung einer nötigen Debatte.
Haimo L. Handl, 17.7.2007
Mit der Terrorangst wachsen Verhaltensempfehlungen für Notfälle. Eine drastische ist jene, die den Abschuss auch eines Passagierflugzeuges empfiehlt, falls es als Waffe von Terroristen verwendet wird.
Wider Erwarten entzündete sich in Österreich eine kleine Debatte, die über übliche Anmerkungen hinausging, obwohl namhafte Politiker, wie der Vizekanzler Molterer, in gewohnter Pater-Willi-Manier die überflüssige Debatte für unnötig erklärte, indem er kurz feststellte: "Kunstdiskussion" (16.7.2007)
Der Dekan der filosofischen Fakultät der Universität Wien, Peter Kampits, ist da offener und entschiedener: Abschuss ja, wenn damit andere Personen gerettet werden können: "Wenn ohnehin klar ist, dass das Flugzeug in ein Gebäude rast, dann sollte man es abschießen." (Kurier, 17.7.2007)

Ein anderer Filosof, Rudolf Burger, Ordinarius an der Angewandten, widerspricht dieser Sicht. Der Staat habe dazu kein Recht.
Die beiden Minister, die im Fall der Fälle zuerst verantwortlich handeln müssten, Herr Darabos, Landesverteidigung, und Herr Platter, Inneres, halten sich mit klaren Aussagen zurück. Sie sind orientierungslos und vertagen. Im Kurier vom 17.7.2007 heisst es dazu: "Darabos und Platter machen sich gegenseitig verantwortlich." Schön. Unschön.
Der Bundespräsident prüft und will sich jetzt noch nicht dazu äussern.
Ein grosser Teil der Juristen spricht sich eindeutig gegen das gezielte Töten durch Abschiessen aus. Eigenartigerweise sind sie es, die primär die Unantastbarkeit der menschlichen Würde als Hindernis für den Freischuss sehen.
Was ist daraus ersichtlich?
Wichtige ethische Fragen werden nicht durchargumentiert und debattiert. Pater Willi demaskiert sich unfreiwillig als Parvenü und Ungebildeter, dem Kunst gleich Überflüssiges ist, interpretiert er doch die Debatte, bevor sie noch eine fundierte Auseinandersetzung ist, als "Kunstdiskussion" und meint damit, so überflüssig wie künstlich wie Kunst. Das sollte den Kulturmenschen, die Pater Willi immer noch hinzurechnen, zu denken geben.
Demokratiepolitisch ist diese Haltung des Vize noch bedenklicher. Anstatt dankbar zu sein, dass ein paar Personen öffentlich ihre Ansichten vertreten und damit, wenn man eben nicht gleich abwürgt, vielleicht eine Wertedebatte beginnt, will er alles beim Alten belassen wissen und ohne hinderliche Kunstdiskussion, ohne öffentliches Nach- und Bedenken handeln lassen. Er, diese Trauerfigur, wird ja gegebenenfalls nicht handeln müssen. Er wird danach Reden halten, hüsteln und keuchen, telegen Sorgenfalten vertiefen und seine Finger zum Murmeln sprechen lassen. Sieht so Verantwortung und Verantwortlichkeit aus? In Österreich schon, vor allem bei Patres Willis.
Die beiden Minister Darabos und Platter zeigen sich nicht verantwortlich. Schwätzer.
Der Bundespräsident möchte sich den Mund nicht verbrennen und sonnt sich in Warteposition. Couragiert?
Und dann die Experten. Die Filosofen. Einer dafür, einer dagegen. Wäre doch ein Anfang einer fruchtigen Kontroverse. Es wird sie nicht geben. Zu leicht könnte man draufkommen, dass es andere, verwandte Wertproblemkreise gibt, die beflissen tabuisiert gehalten werden. Niemand will in den Schatten einer Debatte um wertes und unwertes Leben kommen. Niemand will überlegen, ob eines Tages jenen, die zu alt werden, das Leben "künstlich" verkürzt werden soll, damit sozialgerecht andere überleben können, weil endlich nötige Kranken-Gesundeneinrichtungen für sie frei würden.
Niemand will offen über eine "Pflicht zum Sterben" nachdenken, obwohl der österreichische Sozialfilosof Josef Popper-Lynkeus (1838-1921) schon 1887 "Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben" publizierte. Niemand will die Fragenkomplexe der Sterbebegleitung näher debattieren oder verbindliche Regeln formulieren, weil der Anklang an die Euthanasieumtriebe während der Nazizeit unbewältigt sind. Niemand will offen die Regeln besprechen, nach denen Intensivstationsplätze im akuten Notfall und Platzmangel vergeben werden, ebenso, welche Personen bevorzugt Zugang zu Schutzeinrichtungen haben, welche später versorgt werden und welche gar nicht. Auch die Fragen der möglichen Folter, um damit anderes Leben zu schützen, sind tabu. Die Liste lässt sich fortsetzen.
Beide Positionen, abzuschiessen oder nicht abzuschiessen, haben ihre Vernünftigkeit, ihr Ethos. Beide sind vertretbar. Eine ernsthafte Debatte könnte das vertiefen und erstarken. Könnte das Orientierungswissen erweitern. Könnte sogar zu gesetzlichen Formulierungen führen.
Eine kurze, kleine Erinnerung an österreichische Verteidigungspraxis würde vielleicht auch helfen, die Tauglichkeit unhinterfragter action orientation in Zweifel zu ziehen. Hätte man diese Übung schon früher angestellt, wäre vom Kauf teurer und uneinsetzbarer Luftkampfgeräte abgesehen worden. Was führt mich zu dieser Annahme?
Als die Tschechen mit den Slowaken noch vereinigte Kommunisten waren und sich einen Dreck um Recht und Ordnung, auch internationaler Verträge scherten, kam es des öftern vor, dass tapfere Soldaten und Grenzaufsichtsorgane durch Schusseinsatz Fliehende zurückhielten oder durch Töten am Erreichen des österreichischen Fluchtziels hinderten. Der Eiserne Vorhang war ja nicht nur eine Schutzeinrichtung vor den bösen Westlern, sondern auch ein Wall gegen jene Undankbaren, die das Arbeiter- und Bauernparadies illegal (terroristisch!) verlassen wollten.
Was haben die Österreicher gemacht, die Grenzgendarmen, die Soldaten des glorreichen Bundesheeres? Sie haben beobachtet, festgehalten, gemeldet. Später haben dann Diplomaten nach politischem Auftrag "protestiert". Es gibt keine Fälle, wo Österreich eklatante Grenzverletzung mit Waffengewalt beantwortet hätte. Das wäre politisch unklug gewesen und hätte die Lage nur verschlechtert. Es blieb, wie üblich, bei diplomatischen Protesten. Ohne Waffe. Nur kein Krieg. Nur keine Kampfhandlungen.
Kann sich irgendwer in Kenntnis dieser österreichischen Kuscherhaltung und Feigheit vor Verantwortung vorstellen, dass Bundesheerjets aufsteigen und z.B. illegal überfliegende US-Flugzeuge runter holen? Oder, falls es der Fantasie eher entspricht, obwohl unwahrscheinlicher, Flugzeuge östlicher Provenienz?
Es gab nicht einmal Proteste gegen die CIA-Gefangenentransporte. Oder NATO-Versorgungsflüge im damaligen Jugoslawienkrieg. Das hätte sich niemand leisten wollen. Was wollen die Politiker und Militärs heute leisten, nachdem die Einsatzmöglichkeiten mit modernstem Kampffluggerät gestiegen sind?
Wieder einmal ist die Technik dem Hausverstand und der charakterlichen Bildung weit voraus. Wenn das zum Beispiel geregelt und glaubhaft gelöst wäre, wenn die Österreicher über ihre Politiker und Militärs bewiesen, dass sie die Waffen vernünftig einsetzen, wenn es ihrer bedarf, würde ich meine Argumentation überprüfen und korrigieren.
Wie im Grossen, so erst recht im Kleinen. Gegen Zigeuner, Neger und dergleichen, die man zwar nicht mehr Abschaum nennt, aber noch so behandelt, scheint unsere Exekutive sehr handlungsgierig. Gegen bekannte Mafiosi, vor allem wenn sie aus Russland stammen, ist nichts Adäquates zu vermelden.
Ladendiebe oder Mundräuber und Kleinfixer werden meist roh, gewalttätig behandelt, während Grosskorrupte kaum verfolgt werden. Kommt es einmal, ungewollt, zu Untersuchungsausschüssen, wie jene über den Eurofighterkauf und die Banken, macht vor allem die Unternehmerpartei mobil und würgt ab. Nur nicht stören, nur nicht debattieren. Und die SP folgt brav und dumm und opportunistisch.
In Gesellschaft solcher Figuren verwundert es nicht, dass die mögliche Debatte um Flugzeugabschiessen nicht ernsthaft geführt werden kann. Es bleibt bei der infamen Kunstsinnigkeit der Patres und Helfershelfer.
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