Haimo L. Handl zu einer unguten, immer weiter grassierenden Verhaltensweise.
7.12.2007
Nun, es gibt noch keinen Masterplan und keine gezielte Speicherung und Auswertung von kleinen Spenden, die jemand privat einer Organisation, sei es Rotes Kreuz, Feuerwehr oder Hilfswerk etc. gibt. Trotzdem wird aber die Tatsache, ob wer spendet und wie viel, öffentlich zugänglich gemacht. Entgegen allen Übungen des Datenschutzes werden gegenwärtig solche Daten anderen einsichtig gemacht. Besonders am Land und in kleinen Gemeinden, wo der Anonymisierungsgrad geringer ist oder gar nicht existiert, sind solche Kenntnisse geeignet einen Sozialdruck zu erzeugen, der natürlich den Eintreibern, pardon, Spendenbittern nützlich erscheint.
Zu meiner Tür kommen Spendenbettler. Sie führen Listen mit, auf denen die Bewohner der Häuser der Gemeinde verzeichnet sind. Name, Adresse und Spendenbetrag. Ich sehe, dass Frau Meier X Euro spendete, Herr Müller Y und so weiter. Vor allem fallen jene Namen in der Liste auf, deren Beitragsfeld leer geblieben ist.
Was als Beweis einer Korrektheit gilt, die dem Spender die Beruhigung geben soll, dass sein Geld nicht etwa "verloren" geht oder "privatisiert" wird, entpuppt sich als feines Mittel eines Sozialdrucks. Das reiht sich ein in Ansichten, die mehr und mehr von Leuten propagiert werden, die das demokratische System nicht begriffen haben und nicht begreifen wollen. Sie sehen in der Offenlegung und Datenverletzung kein Vergehen, keinen Affront. Sie meinen, etwas blöde, sie hätten nichts zu verbergen und sagen die Implikation, dass der, der etwas verberge, ein unguter oder krimineller Mensch sei oder sein müsse, nicht laut. Vielleicht denken sie sie auch nicht. Aber sie existiert.
Die Nazis wollten kein persönliches geheimes Wahlrecht. Jeder Rechtschaffene in der Bewegung hatte keinen Grund, sein politisches Wahlverhalten etc. "geheim" zu halten. Auch die Bolschewiki argumentierten so. Als Linksfaschisten waren sie sich in der Ablehnung des Geheimen einig: Nur Abtrünnige, Verräter oder Verbrecher haben was zu verbergen. Deshalb wurden die andern Parteien, die "Wahlmöglichkeiten" gleich abgeschafft, weil ja die Lauteren, die Vernünftigen, die Braven eh nur sie, die eine Partei der Wahrheit wählen. (Wenn es nur eine Wahrheit gibt, braucht es keine Wahl!) Und weil dem so war, mussten die Wahlen nicht geheim gehalten werden. Die Wähler waren dankbar offen belegen zu dürfen, dass sie "dabei" waren und blieben und "mitmachten". Auch wenn sie nicht PGs waren. Oder Sympathisanten. Aber ordentliche, nichts zu verbergende Gesellschaftsmitglieder.
Noch ist es bei uns nicht wieder so weit. Aber wegen der Politikerbezüge gab es ja schon Forderungen zur Offenlegung von Einkommen. Wie lange wird das geheime Wahlrecht halten mit der falschen Sicht, dass jeder Korrekte ja nichts zu verbergen habe? Dem Überwachungsstaat kommt dieses vorauseilend gehorsame Kuschertum gelegen und entgegen.
Die Sammler von Spenden profitieren auch davon. Wenn nächstens solche Listen im Internet kursieren, oder, wie bei Licht ins Dunkel, im Fernsehen ausgestrahlt werden, freut sich sicher die Mehrheit.
Sollte man nicht die Schul- und Ausbildungszeugnisse veröffentlichen? Die Qualifikationsbeurteilungen von Managern und Politikern? Wären die ärztlichen, psychologischen und psychiatrischen Gutachten nicht Pflichtlektüre der interessierten Öffentlichkeit? Weiss man doch, wie viele beschädigte Personen sich just in den Bereichen austoben, woran sie leiden!
Es fängt klein an. Hemmschwellen werden gesenkt. Hier mit der offenen Spendenliste. Dort mit dem "Tratsch" über dies und das. Und dann mit den Listen von Konsumverhalten, Lektürewahl (wenn der Postler ausplaudert, was er alles wem zustellt ..., wenn Bibliotheksausleihlisten im Internet zu lesen sind etc.) ...
Wenn wer also spenden will, dann ohne solche Listen. Wenn wer wählt, dann ohne öffentliches Bekenntnis. Die Geheimhaltung hat einen tiefen, demokratischen Sinn. Es ist die Pseudooffenheit, die Distanz eliminiert und damit Privatheit und soziale Unversertheit. Und Würde.
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