Kolumne von Haimo L. Handl vom 5.11.06 über die Eigenheiten des Regierungsbildungsprozesses in Österreich.
Das ist kein Schreibfehler. Möcht. Der bekannte Titel, der
hier zitierend anklingt, lautet "Arroganz der Macht". Die ÖVP
exerziert vor, wie sie, nicht mehr so mächtig, dass alles nach ihren
Vorstellungen verläuft, dennoch versucht, dass ihr Möchten als Macht wirkt. Sie
versucht ihren Ausstieg noch als Trumpf zu verhökern, Zugeständnisse
abzugewinnen, weil niemand Vernünftiger doch eine Staatskrise will. Aber die
ÖVP sucht keine Verständigung, wie sie offen und klar demonstriert: sie will
ihren Machteinfluss so weit wie möglich halten und sichern.
Immerhin, das sei nicht vergessen, wenn jetzt ihre
Spitzenfunktionäre beleidigt jammern, man habe hinter ihrem Rücken gegen sie
gearbeitet, nur weil eine Mehrheit, die endlich im Parlament dafür zu haben
ist, Untersuchungsausschüsse einrichtet, die die ÖVP, als sie das Sagen hatte
und die Linie vorgab, X-mal verhinderte, diese ÖVP hat doch mit ihrem
Superkanzler damals eine bestehende Regierung, eine Koalition gebrochen, platzen
lassen. Beim ersten Mal ging's daneben: die Blauen wurden Zweite. Und der
Möchtegernkanzler, der nach der Macht gierte, vergass sogar seine eigenen
Aussagen und wurde mit Hilfe des Haider und der Ausländer, der europäischen
Bruderstaaten, ins Amt gehievt. Der SPÖ blieb nichts anderes übrig als der
schwarzblauen Konstruktion als Opposition gegenüberzustehen.
Beim zweiten Anlauf schaffte es dann der Kanzler zum
"Sieg". Schwarz war erstarkt und die schwarze Klientelpolitik konnte
endlich umgesetzt werden. In keiner Regierung gab es so viele Klientelaufträge,
wie in dieser. In keiner wurden dubiose Geschäfte in einem Ausmass getätigt,
wie in dieser. Jede Anfrage, jede Forderung nach Untersuchung, wurde
abgeschmettert oder nur vordergründig, oberflächlich beantwortet. Die
Klientelpolitik begünstigte nicht nur Firmen im eigenen Umfeld, sondern direkt
eigene Leute, die man versorgte, wie zu den schlimmsten Proporzzeiten. Und die
F-ler, die bald von Blau zu Orange mutieren mussten, weil einige Hardliner nicht
spurten, wie es der Führung passte, die machten heftig mit: es galt ja
Österreich auf Vordermann zu bringen und dabei zu verdienen. Das gelang.
Allerdings zu einem bestimmten Preis.
Jetzt hat das Elektorat die Gewichte neu verteilt. Der ach
so erfolgreiche Strahlekanzler und Schweiger verlor. Allerdings nicht so
heftig, wie Vernünftige es ihm gewünscht hätten. In Österreich gilt halt eine
eigentümliche Toleranz und Nachsicht. Aber immerhin konnte man ablesen, dass es
um eine Neugewichtung gehen muss. Die erstarkte SPÖ war und ist auch bereit,
mit den Schwarzen zu koalieren.
Doch siehe da, die Schwarzen beriefen sich auf ihre
bisherige erfolgreiche Regierungsarbeit und forderten quasi die fast lückenlose
Umsetzung dessen, was der Wähler offensichtlich nicht so goutierte. Sie
verstand ihre bisherige Arbeit als neues Arbeitsprogramm und höhnte die SPÖ,
sie lege keine Papiere, Projekte und Konzepte vor. Das, was die Roten
vorlegten, sei unrealistisch und völlig inakzeptabel. Es klang, als ob es
nichts zu verhandeln gäbe, sondern nur noch kompromisshaft zuzustimmen.
Dass nach der Konstituierung des Nationalrates die neuen
Kräfteverhältnisse sofort genutzt werden würden, um endlich jenen
Untersuchungsausschuss einzurichten, der jahrelang von der ÖVP erfolgreich
verhindert wurde, war klar und hat niemanden überrascht. Bedingt durch den
akuten BAWAG-Skandal wurde folgerichtig auch ein diesbezüglicher
Untersuchungsausschuss installiert. Doch die ÖVP denunzierte dieses
parlamentarische Kontrollinstrument, kriminalisierte sogar diese Einrichtung
und sprach mit ihren Hintermännern aus der Wirtschaft und dem Bankensektor vom
nationalen Schaden, den man Österreich damit zufüge. Es gehe um Ansehen,
Geschäftsverläufe, Arbeitsplätze.
Mit so einer Auffassung könnte oder müsste man künftig jede
Kritik verhindern, weil Kritik und Aufdeckung etc. immer für gewisse Teile
unangenehm oder negativ sind. Liegt in der Natur der Sache. Aber es wird nicht
gefragt, ob die Aufdeckung nicht umgekehrt positiv und förderlich sein könnte,
ähnlich dem Weinskandal vor Jahren, der dann aber zu einer anderen
Qualitätspolitik führte und den Weinbauern schlussendlich mehr Märkte
erschloss, als früher mit der Massenware. Doch die befremdlichen Aussagen
einiger Banker wurden von den meisten Medien nicht kritisch gewürdigt, nicht
hinterfragt. Man pflichtete bei: nicht mögliche Verursacher oder Täter sind das
Problem, sondern diejenigen, die aufdecken. Hier zeigt sich ein
Rechtsverständnis, das besorgniserregend ist.
Würde die Zumutung der Möchtepartei angenommen, hiesse das,
dass man das Provisorium verlängerte, was diesen Machern gestattete, ihre
Geschäfte weiterhin zu pflegen. Ob das der Wendehals Gorbach ist, der sich mit
eitlen Konzepten unvergessen machen will, bevor er neue Pfründe von
Wirtschaftsfreunden unter den Hintern geschoben bekommt, ob das der Beau ist,
der meint, als Fachmann glänzen zu können, und dem die Massen mit Hilfe der
Verdummungseinrichtungen (die Mehrheit der österreichischen Medien) dennoch
zujubeln, ob es dieser oder jene Privilegierte und Reiche ist, der sich in der
Volkspartei volksnah gibt, alle werden sich die Hände reiben und weiter, so
lange wie nur möglich, die Früchte ihrer Machtausübung geniessen.
Bevor so ein Provisorium weiter verheert, sollten, wenn
keine andere Koalition möglich ist, sofort Neuwahlen ausgeschrieben und beim
nächstmöglichen Termin durchgeführt werden. Hoffentlich erinnert sich dann eine
deutliche Mehrheit an die Machenschaften dieser schwarzorangen Riege und wählt entsprechend. Österreich hat mehr
verdient als diesen Orangenladen, diesen Saftladen mit Schwarzflor.
5.11.06
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