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Winnie Ebner zur CranioSacral-Therapie
9.6.2001
Zur Entstehungsgeschichte
John E. Upledger, ein Arzt und Ostheopath aus USA, entdeckte den feinen Rhythmus des CranioSacralen Systems aufgrund einer dramatischen und interessanten Operation. Das Cranio-Sacrale System besteht aus dem Gehirn und den Nervenbahnen entlang der Wirbelsäule, umhüllt von einer feinen Haut, genannt Dura Mater. Zwischen dieser Haut und den Nervenzellen befindet sich eine Flüssigkeit, der Liquor cerebrospinalis. Auch das Gehirn ist von verschiedenen Häuten und ebenso von diesem Liquor umhüllt. Diese Flüssigkeit schützt vor abrupten Stößen und ermöglicht ein Gleiten der Nervenbahnen bei jeder Bewegung. Soweit war das der Medizin lange schon bekannt.
Diese Operation war insofern spannend, weil es um ein Gewächs ging, das sich innerhalb der Halswirbelsäule angesiedelt hatte, aber außerhalb der Dura Mater, dieser feinen Haut. Die Aufgabenstellung war daher, das Gewächs zu entfernen, ohne die Dura Mater zu beschädigen. Die Nervenbahnen, die sich darunter befinden, sind zu heikel, eine Verletzung hätte schlimme Lähmungen des gesamten Körpers zur Folge.
John E. Upledger´s Aufgabe als Co-Chirurg bestand darin, dieses Dura Mater-Gebilde festzuhalten, damit der Chirurg das Gewächs vorsichtig abschälen konnte. Jedoch das Festhalten gelang ihm nicht. Er hatte einen guten Zugang zum Gewebe, alles war gut einsichtig, es bestand also kein Grund, warum das nicht gehen sollte. In einem langsamen aber sehr stetigen und unausweichlichen Rhythmus bewegte sich das Gebilde, das John E. Upledger festhalten sollte. So wurde er dieser feinen stetigen Rhythmik gewahr, die daraus resultiert, daß sich der Liquor, die Flüssigkeit, abwechselnd in einer Füllungs- und einer Leerungsphase befindet. Warum das nicht schon früher bemerkt wurde, lag offenbar daran, daß bis dahin Operationen, dieses System betreffend, damit begannen, die DuraMater aufzuschneiden oder anzulochen (punktieren). Somit ist dieses System nicht mehr geschlossen und die Füllung bezw. Leerung kann nicht ungestört vonstatten gehen.
Nun, John E. Upledger wurde also dieser Bewegung gewahr und war sofort fasziniert. Er begann, weiter zu forschen. Übrigens, diese Operation gelang dennoch, der Patient, der zuvor seltsame und schlimme Symptome gezeigt hatte, wurde wieder vollständig gesund.
Zur Theorie
Als Ostheopath war John E. Upledger der Aufbau der menschlichen Schädelknochen nicht fremd (Ostheopathie heißt die Lehre von den Knochen, ein sechsjähriges Studium, das in vielen westlichen Ländern auch als Arzt-Studium anerkannt wird). Es bestätigte sich ihm ein Verdacht, nämlich der, daß diese Schädelknochen im Unterschied zur häufig geäußerten Lehrmeinung, auch beim erwachsenen Menschen ganz und gar nicht fix zusammengewachsen sind, sondern in ihrer zumeist ineinander verzahnten Struktur eine feine Bewegung ermöglichen. Sie bilden also eine Art Gelenk, die Bewegung ist minimal, aber dennoch sehr wichtig. Sie vollzieht die Füllung und Leerung der cerebrospinalen Flüssigkeit mit.
Wäre das nicht so, wären mindestens schlimme Kopfschmerzen, wenn nicht gar noch ganz andere Zustände, von Schwindel bis zur vollständigen Verwirrtheit, die Folge.
Upledger entdeckte auch, daß dieser Rhythmus mit einiger Übung mit den Händen fühlbar ist,
und zwar am gesamten Körper, auch durch das Gewand. Er experimentierte zunächst mit dem Schädel und mit dem Kreuzbein, bezw. mit der Wirbelsäule und entdeckte gewisse Griffe und Vorgangsweisen, die eine tiefe und oft nachhaltige Entspannung der Knochen und Gelenke dieses Systems ermöglichen. Später entdeckte er auch noch, wie sich Spannungszustände im gesamten Körper auf diese Weise erfühlen lassen. Alle Körpergewebe bestehen zu einem Gutteil aus Wasser, das diesen Rhythmus weiterleitet und dadurch zu erkennen gibt, wo Spannungen vorliegen. Wie John E. Upledger begann, diesen Verspannungen nachzugehen, machte er eine sehr merkwürdige Entdeckung.
Offenbar gibt es so etwas wie Gewebeerinnerung. Im Körpergewebe sind manchmal traumatische Erlebnisse gespeichert, die bei der entspannenden Berührung wieder zum Ausbruch kommen und bei der Lösung zu einer Erkenntnis führen, die über den Körper auf sehr nachhaltige und tiefgreifende Weise eine neue Sichtweise von lebenswichtigen Dingen oder Verhaltensweisen ermöglicht.
Aufgrung dieser Beobachtungen entwickelte sich folgende Theorie: Sie betrifft die Gewebeerinnerung. Bindegewebe - Faszien - im menschlichen Körper sind unspezifische Gewebe, die spezifische Zellstrukturen, seien es Organe wie Leber, Lungen, Milz oder Nervenzellen, Blutkörperchen, Muskeln, Knochen usw. umgeben. Würde man aus einem menschlichen Körper alle diese spezifischen Zellstrukturen entfernen, blieben nur mehr die Faszien übrig. Das sähe dann aus wie ein gläserner Mensch.
Diese Faszien bestehen in der Hauptsache aus zwei Strukturelementen: Elastin und Kollagen.
Kollagen, vielleicht aus der Kosmetik bekannt, strafft das Gewebe, bringt es in Form. Keine willkürliche sowie unwillkürliche Bewegung wäre möglich ohne Kollagen. Unser Augenmerk richtet sich aber auf das Elastin. Elastin sieht aus wie kleine Gummifäden und ist sehr dehnbar. Es macht die vom Kollagen durchgeführten Bewegungen und Anspannungen mit und geht dabei bis an eine äußerste Grenze. Dennoch verfügt Elastin, wenn man es läßt, über eine Erinnerung an die ideale ursprüngliche Größe und Ausdehnung. Hierin liegt vermutlich das Geheimnis der Gewebeerinnerung.
Die Behandlung
In der craniosacralen Berührung arbeitet man mit den Knochen und Gelenken, aber auch mit den Faszien. Mit den Händen wird auf sehr feine Art (auch durch das Gewand) erspürt, wo sich Verspannungen befinden. Nichts wird mit Gewalt durchgeführt, allenfalls kann etwas Druck (5 bis 10 Gramm) ausgeübt werden. Allein schon dadurch "gewinnt der Körper Vertrauen" und entspannt sich. Die Hände gehen auf sehr feine Weise den für Außenstehende kaum wahrnehmbaren Verspannungen nach. Es sieht so aus wie Hand-Auflegen, ist es aber nicht. Mit viel Ruhe und Geduld wird, bei Fortsetzen dieser feinen Bewegungen, abgewartet, bis die Rückkehr in den ursprünglichen entspannten Zustand wieder eintritt.
Es gibt grundsätzlich zwei Behandlungsformen. Bei der strukturellen Behandlung bleibt der craniosacrale Rhythmus prinzipiell aufrecht. Es werden Strukturen behandelt wie Wirbeln, Gelenke, Schädel und oft sehr erfolgreich Kiefer. Oft verwendet man bestimmte Griffanordnungen, die gut erprobt sind. Manchmal geht der craniosacrale Rhythmus in ein Pulsieren über - man nennt das den therapeutischen Puls - oder er bleibt kurzfristig weg. Jedenfalls sollten die Hände so lange auf der Stelle verbleiben, bis der Rhythmus und damit die Entspannung eintritt.
Die zweite Behandlungsform geht noch etwas tiefer in die Gewebeerinnerung hinein, man nennt das SomatoEmotionale Entspannung (Somato Emotional Release). Dabei versucht man, traumatische Erlebnisse, seien sie jetzt physischer oder psychischer Art, die im Gewebe als Dauer-Anspannungszustand gespeichert sind, aufzuspüren. An so einer Speicher-Stelle im Körper ist der CranioSacrale Rhythmus nicht fühlbar. Bei Berührung dieser Region kann es zur Lösung dieser Speicherung kommen. Dabei entsteht ein"Prozeß". Solange dieser Prozeß andauert, setzt der CranioSacrale Rhythmus am ganzen Körper aus oder reduziert sich auf ein kaum fühlbares Minimum.
Dabei werden längst verschüttet geglaubte Erinnerungen wach. Manchmal reagiert der/die Behandelte mit einer tiefen schlafähnlichen Entspannung und die Erinnerung bleibt unbewußt, was die Tiefenwirkung aber nicht beeinträchtigt. Oft lösen sich Gefühle, die dann aus der Tiefe ausbrechen und sich zum Beispiel in Weinen, Schütteln oder Wütendsein bemerkbar machen. Wenn es zu einem Gespräch kommt, geht es in der Regel vom Klienten aus, der Therapeut beschränkt sich auf wenige Sätze oder Fragen, die darauf abzielen, daß das Grundthema nicht verlassen wird. Ob man beim Thema ist oder nicht, läßt sich am Körper erspüren.
Das Ende des Prozesses wird als Wiedereinsetzen des CranioSacralen Rhythmus erspürt. Geschieht dies deutlich und klar, dann hat beim Behandelten eine Erkenntnis eingesetzt, die sich in seinem täglichen Leben spürbar erleichternd auswirkt.
Praktische Beispiele
Der Therapeut, der den Verspannungen des Gewebes nachspürt, bemerkt oft eine Bewegung des gesamten Körpers, die er so gut wie möglich unterstützt. Der Körper hat nämlich die Tendenz, in die Stellung zu kommen, die er beim Eintreten des Traumas eingenommen hatte.
Dazu ein gutes Beispiel: Eine Frau hatte zwei Monate, bevor sie zu mir kam, einen Radunfall. Seitdem litt sie an einem andauernden Schwindelgefühl, das ihr schwer zu schaffen machte. Am Tisch vollzog sie eine Bewegung, die sie dazu brachte, auf den angezogenen Knien kauernd, zum Liegen zu kommen. Der Kopf vollführte eine Bewegung wie ein unsanftes (in dem Fall war es sanft, weil ich darauf achtete) mit der Stirn auf die Unterlage Klopfen. Offensichtlich war das in etwa der Hergang des Unfalls, weil im Moment, als sie mit dem Kopf unten ankam, setzte der craniosacrale Rhythmus wieder ein und sie fühlte eine spürbare Erleichterung. Der Schwindel war fast weg, sie konnte es kaum glauben. Nach weiteren zwei strukturellen Behandlungen verschwand er zur Gänze.
Ein anderes Beispiel betrifft einen Mann, der eigentlich hauptsächlich aus Neugierde zu mir kam (für eine Tiefenbehandlung ist das keine so gute Voraussetzung, ein bewußtes Problem führt leichter zu einer Lösung). Ich hielt meine Hände an seiner Stirne und es war sofort klar, daß ein Prozeß begann.
Ein heftiges Drängen und Drücken gegen meine Hände wies darauf hin, daß es sich wahrscheinlich um das Wiedererleben seiner Geburt handelte. So war es auch. Er erzählte mir Details seiner Geburt, die ihm zuvor sicher nicht im vollen Umfang bewußt waren. Seine Geburt war insofern problematisch, weil sein ZurWeltKommen von Bomben-Alarm-Sirenen begleitet war (ein Kriegskind). Die Mutter mußte sich höchst beeilen, um dann schnellstens mit dem Kind in den Luftschutzkeller zu gelangen. Jedenfalls war er gesund, die Begleitumstände seiner Geburt schienen ihm später keinen Schaden verursacht zu haben. In solchen Fällen versuche ich (ich bin ein mütterlicher Typ) diesen Erwachsenen wie ein Baby in die Arme zu schließen und willkommen zu heißen auf dieser Welt.
Die Überraschung für mich kam erst zwei Monate später, als ich ihn wieder traf. Das Erlebnis war für ihn so prägend, daß er das genaue Datum und die Uhrzeit der Behandlung immer im Kopf hatte. Seine lebensentscheidende Veränderung war folgende: Sein gesamtes Leben war von dem Thema geprägt "Ich muß mich beeilen", wie jemand, der immer gerade den letzten Zug erwischen muß.
Ab unserer Sitzung war ihm aber so, als hätte er Zeit, ausreichend Zeit zum Leben. Das dritte Beispiel betrifft eine junge Frau, die schon vorher einige Behandlungen bekommen hatte. Eine verspannte Stelle habe ich am rechten Knöchel ausgemacht (ohne daß sie dort zuvor nennenswerte Beschwerden verspürt hätte). Während der Behandlung wurde kein Wort gesprochen. Ihr Körper vollzog eine leichte Krümmung und sie weinte ein bißchen.
Meine Hände waren die ganze Zeit an der betreffenden Stelle. Dann war ganz deutlich zu spüren, wie sich diese Stelle entspannte und weich wurde. Die Beine streckten sich wieder und ihr Gesicht blickte ganz entspannt und offen. Der CranioSacrale Rhythmus setzte deutlich wieder ein. Für mich war klar, die Behandlung ist beendet. Dennoch war ich einfach neugierig. Ich fragte sie, ob sie mir etwas erzählen möchte, vielleicht die Erkenntnis am Schluß. "Ja", sagte sie,"Ich brauche nicht mehr kämpfen, ich kann einfach SEIN".
Winnie Ebner, geb. 1948, Cranio-Sacral-Ausbildung im Upledger-Institut Österreich, geprüfte Heilmasseurin
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