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Ostwestliche Nachbarschaft im Bildungsbereich PDF Drucken E-Mail

thumb_cambridge_kingsentrancethumb_beijing_univBemerkungen zu eigentümlichen Erscheinungen in Europa und China
Haimo L. Handl, 4.8.2008

 

 

 

 

Mitte Juli (2008) las ich in einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung ein kulturpessimistisches Resümee, das wie aus den Tagen der negativen Kulturkritik klang: «China hat sich selbst verloren», erklärt Jing* bestimmt. «Wir zelebrieren traditionelle Feiertage mit Festessen, aber wir wissen überhaupt nicht mehr, was es zu feiern gibt.»

Aufhorchen liess mich aber folgende Feststellung: "Das chinesische Bildungssystem fördert keine kontroversen Debatten, da sind sich alle Studenten einig." Dann wird ein Student zitiert: «Wir können zuhören, akzeptieren, aber nicht debattieren. Alles muss immer positiv ausgedrückt werden. Unseren Ärger dürfen wir nicht zeigen. Politik ist langweilig.»

(Politisch angepasste Studenten. Chinas Studenten halten wenig von politischen Debatten und diskutieren lieber über Sport und Frauen. Neue Zürcher Zeitung, 18. Juli 2008)

Ich habe fast zwei Jahrzehnte als Universitätslektor unterrichtet. Mir sind die meinungslosen Falschbraven bekannt. Aber nicht aus China, sondern aus Österreich. Und von Gastveranstaltungen aus den USA oder Israel. Die vielgerühmte Offenheit und geistige Regsamkeit, verbunden mit kritisch-neugierigem Denken ist auch in anderen Ländern kein allgemeines Fänomen.

In seiner Kolumne "Seitenhiebe" in der Rubrik "Chancen" der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT (32/31.7.2008) schreibt Thomas Kerstan über die "Zahnlose Elite: Den Topstudenten fehlt es an Meinungsstärke und Mut zum Risiko."

Er kritisiert zwei Aspekte:

1. Meinungslosigkeit
2. Angst, die in überdressierter Anpassung sich äussert.

In seinen Worten: "Zu viele dieser Nachwuchsakademiker haben zwar Ahnung, aber keine Meinung." "(A)us Angst, einen Fehler zu machen, hält man sich lieber zurück. Frei nach dem Motto: Tu mir nichts, ich tu dir auch nichts."

Als in den berüchtigten PISA-Debatten bei uns oft auf Südkorea verwiesen wurde, das so viel besser als Deutschland oder Österreich abschneide, wunderte ich mich ob der unkritischen Fixierung auf Skalenwerte und Kennziffern. Niemand fragte nach den gesellschaftlichen, sozialen Wertefeldern, nach Kreativität, Innovation und, was damit unabdingbar zusammenhängt, Offenheit und Kritik.

Ähnlich wie in China wird in beiden Koreas nicht offen debattiert. Es wird gedrillt und Hochleistung erbracht. Sicher, das alles verläuft moderner als in moslemischen Koranschulen, ist aber von der bornierten Ausrichtung nicht wesentlich zu unterscheiden.

Die PISA-Ergebnisse müssten eigentlich zu Denken geben: offensichtlich lassen sich gewisse Leistungen und Leistungshaltungen erzielen, ohne eine humane, emanzipatorische Pädagogik zu bemühen. Hängt das Lob der asiatischen Qualitäten mit einer uneingestandenen Wertschätzung autoritärer Strukturen zusammen, die man sich hier, nach all den geschichtlichen Ereignissen und Entwicklungen, doch nicht mehr so offen leisten kann?

Die Kulturen der Opportunisten und Wendehälse, der Schleimer und Kriecher ist international. Deshalb verstehen sich gewisse Spitzenkräfte so gut, gleich ob im Kriegsgebiet oder "normalen" Geschäftszonen. Wer spurt, wird belohnt. Wie früher: man spurte sich im Spuren.

Ich kenne leider keine Statistik die anzeigt, wie viele kritische Manager, Professoren oder Politiker wegen ihrer Kritik, wegen Einbringens von Änderungsvorschlägen oder Beharrens auf von ihnen als vernünftig erkannten Sätzen gefeuert wurden. Wie viele nicht aufsteigen konnten, kurz gesagt, Nachteile in Kauf nehmen mussten. Die Zahl der erfolgreichen Kritischen kann nicht sehr hoch sein, weil sonst hinsichtlich Innovationen (und das sind immer Veränderungen) nicht immer von aussen teure Berater zugekauft werden müssten bzw. Expertisen von anerkannten Experten. Letzteres beweist ja nur, dass die Spitzenkräfte in den Organisationen offenbar nicht das leisten können, was sie sollten.

Weiters weisen die enormen Verluste, die in jüngster Vergangenheit von Spitzenkräften verantwortungslos produziert wurden darauf hin, dass es mit Kritik, Offenheit ("Transparenz"!) und adäquater Kommunikation nicht weit her sein kann. Trotzdem bilden die Eliteschulen weiter aus wie bisher, trotzdem glänzen einige Berater-Gurus. Auch dies gehört zum Markenzeichen eines verkommenen Systems.

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