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 Überwachung und Zensur, im Besonderen und im Allgemeinen, dort wie hier.
Haimo L. Handl, 6.8.08
Hören Sie den Beitrag im ZITIG Podcast.
In der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT erschien online am
3.8.08 ein Interview mit DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, worin er trocken bemerkte: "Es gibt aber auch in Deutschland wie in
jedem Land der Welt Seiten, die gesperrt sind." Diese und ähnliche
Äusserungen haben zu heftigem Protest geführt, sodass der GD
"zurückruderte", wie es heute, 6.8.08, hiess und betonte, er wolle
die Zensur von rechtsextremen Seiten in Deutschland nicht mit der Zensur in
China vergleichen.
Zensur empört uns für gewöhnlich. Trotz Zensurverboten in
den sogenannten "westlichen" Staaten gibt es in einigen dennoch
Zensur. Um einen Vergleich zwischen den Zensuren in totalitären,
diktatorischen, faschistischen oder (immer noch) demokratischen Staaten
herstellen zu können, müssen aber die Zensurgründe und -praxen untersucht
werden.
Wesentlichster Unterschied ist, ob es eine VORzensur gibt
oder, bei Erfüllen gewisser Kriterien, die gesetzlich legitimiert sind (und
deshalb öffentlich bekannt und nicht willkürlich), eine Nachzensur bzw., auch
ohne jede Zensur, ein Strafverfahren aufgrund geltender Gesetze (z.B. im Falle
von Verleumdung etc.). Keine Zeitung oder Verlagshaus muss bei uns seine
Produkte zuerst einem Genehmigungsverfahren unterwerfen, keine Interviews
müssen angemeldet werden und so fort. Das heisst nicht, dass die gleiche
Freiheit in Deutschland oder Österreich gilt, wie in den USA. Insbesondere
nicht hinsichtlich Nazis oder Neonazis. Das erklärt sich aus dem historischen
Erbe. Gegen nachträgliche Zensur oder gegen Strafverfolgung kann man sich
jedoch gerichtlich erwehren.
Dass durch die instrumentalisierte Terrorhysterie in den USA
und den europäischen Staaten die Rechtsstaatlichkeit in einigen Bereichen
unterminiert wurde und wird, dass anstatt eines Datenschutzes die totale
Überwachung installiert wurde und weiter ausgebaut wird, scheint kein
Widerspruch zum Bemühen, "freie" Meinungsäusserung zu pflegen.
Immerhin gibt es nicht nur private, sondern öffentliche Kritik und Debatte.
In einigen Fällen jedoch, auch wo kein Terrorverweis
plausibel Attacken des Staates deckt, wird gegen unliebsame Kritiker und
Techniker vorgegangen: gegen Hacker, die ganz gezielt kriminalisiert werden,
obwohl Hacker nicht gleich Hacker sind. Es ist auch peinlich, dass in einigen
Ländern Europas der Einsatz von Verschlüsselungstechniken im elektronischen
Verkehr ein strafbares Vergehen darstellen. Auch in diesen Staaten will der
Staat, noch bevor er offiziell zensuriert, Zugang zu ALLEN Daten haben.
Das
heisst, die Privatsfäre und ihr Schutz gibt es nicht mehr.
Belauschungen,
Abhören, Videoaufzeichnungen finden systematisch statt. Telefonbetreiber sind
verpflichtet, die Log-Dateien jahrelang zu speichern und auf Anfrage den
Staatsorganen zu übergeben. "Profiling" durch verschiedenste Daten,
vor allem Kontobewegungen, Bankkartenbezahlungen, Ausleihungen (Bibliotheken
usw.), die elektronisch vorgenommen werden und des e-mail-Verkehrs produzieren
den durchleuchteten, entblössten Menschen: die Behörde weiss mehr, als ihr,
nach früherem Rechtsverständnis, zusteht.
Verbindet man diese Daten mit den
spezifischen der Jurisprudenz (Strafregister, Polizeierhebungsdaten) und
Gesundheits- bzw. Krankheitswesen mit Aufzeichnungen über finanzielle Bonität,
Arbeitsplatzwechsel usw., kann man sich vorstellen, dass die Überwachung so gut
funktioniert, dass auch ohne offene Zensur jederzeit jedermann
"gefischt" werden kann. So lassen sich Berufsverbote als
Berufsverhinderungen leichter durchführen. So können Personen in ihrer Existenz
vernichtet werden, ohne dass "Täter" aufscheinen: plötzlich stellt
eine Bank den grösseren Kredit fällig, und der "Kunde" geht bankrott.
Plötzlich wird jemand gekündigt und findet keine neue Stelle mehr. Plötzlich
erlebt jemand soziale Ächtung, und weiss nicht warum. Alltag. Wie beim Mobbing.
Nur systematischer, staatlich.
Das alles ist nicht nur möglich, sondern bereits geübte
Praxis. Begünstigt durch die geringe Kontrolle der Staatsorgane, die tiefe
Verunsicherung und Angst, die immer mehr Überwachungsbegehren staatlicher
Stellen akzeptiert, um die ersehnte Sicherheit gewährleistet zu erhalten. Die
abstrakte Freiheit wird der vermeintlich konkreten Sicherheit geopfert.
In
"unserer" EU-Staatenwelt gibt es seit Jahren die sogenannte
"Vorratsdatenspeicherung", ein Unwort, weil jeder Speicher per se ein
Vorrat ist. Das ist bei den Archiven und Bibliotheken schon so. Der unbeholfene
Pleonasmus soll aber eine neue Qualität dem Bürger signalisieren. Vermag er
das, erfüllt er die Funktion: Verstehen, wie von wem mit welchen Daten
umgegangen wird und daraus resultierend politischer Protest gegen die allgemeine
Überwachung. (Siehe dazu: http://www.vorratsdatenspeicherung.de/)
Doch wird die Observanz und feindliche Überwachung nicht nur
aus purem polizeilichem oder staatlichem Interesse geführt, sondern besonders
wegen wirtschaftlicher: Grosse Firmen drängen im Hintergrund auf Verfolgung, um
ihre Vormachtsstellungen stärker ausbauen und verfestigen zu können. Die freie
Profitwirtschaft sieht sich gefährdet durch Leute, die freie Kommunikation
besonders im elektronischen Bereich, sicherstellen wollen. DAS ist die
eigentliche Front. Hinter den Zensur- und Verfolgungswünschen stehen zu einem
Schlechtteil einige grosse Firmen, die auch bemüht sind, den privaten
Datenaustausch (file sharing, file exchanging, copying) als kriminell verfolgen
zu lassen bzw. die über Softwarepatente die von ihnen unabhängige
Programmentwicklung be- oder verhindern wollen. Das gezielte Geschrei gegen
staatliche Massnahmen kaschiert in etlichen Fällen die eigentlichen
Interessenten solcher Verfolgungen.
Die ersten Feinde sind bei uns also grosse Softwarefirmen
und Unternehmen der Informations- und Unterhaltungsbranche. Staaten folgen erst
danach, sind sie doch meist nur noch Büttel und Interessensvertreter solcher
Firmen und Organisationen.
Der zweite Feind, der Staat, ist jedoch nicht unbedeutend.
Auch in der EU gibt es handfeste Interessen, die totale Überwachung auszubauen
und Strafverfolgung nach kleinsten Anzeichen gewisser Merkmale, die einer sehr
vagen, nebulosen Terrordefinition entsprechen, in der gesamten EU zu
ermöglichen.
In der Süddeutschen Zeitung war vergangenen Herbst
(11.9.2007) zu lesen, dass Vizepräsident und EU-Kommissar für Justiz und
Sicherheit, Franco Frattini, schon die Nutzung gewisser Vokabeln im Internet
verbieten wollte.
Herr Frattini, der bis zum 8. Mai 2008 Vizepräsident und
Kommissar
war, um danach als Aussenminister in der Regierung Berlusconi
zu wirken, verstand seine Arbeit für mehr Überwachung, Kontrolle und Zensur
ganz in seinem italienischen, westeuropäischen, europäischen
Freiheitsverständnis.
Damals publizierte sein Büro eine Pressemitteilung:
"EU counter-terrorism strategy ", European Parliament, Strasbourg, 5 September 2007
"This brings me to the Internet and the
way this tool, which has brought amazing advantages to our world, is being
misused by terrorists. We all know that terrorists enjoy the benefits of the
internet just as much - or even more so - as ordinary citizens, for instance to
plan their attacks or to disseminate messages of concrete incitement to commit
terror attacks.
The benefits of e-learning have also not
escaped the attention of terrorists - you can find detailed instructions on all
kinds of terrorist tactics, including the production of explosives, on the
internet.
The proposal I mentioned just now will aim at
ensuring that these forms of behaviour will be made punishable across the
EU."
Der Proposal ist in der EU-Kommissionsseite hier zu finden: Brussels,
6.11.2007, COM(2007) 650 final, 2007/0236 (CNS). Proposal
for a COUNCIL FRAMEWORK DECISION amending Framework Decision 2002/475/JHA on
combating terrorism (presented by the Commission) {SEC(2007) 1424} {SEC(2007)
1425}
Dort heisst es nach allgemeinen Feststellungen, dass das
Internet eben auch von Terroristen benützt wird:
"Under the EU Strategy and Action Plan on
Radicalisation and Recruitment which was adopted by the JAI December 2005
Council, the EU calls for measures to combat the terrorist use of the Internet.
It also emphasises that the activities of the Member States have to be
accompanied by action at EU level.
In its conclusions of 15 and 16 June 2006, the
European Council expressly asks the Council and the Commission to develop
measures to prevent the misuse of the Internet for terrorist purposes while at
the same time observing fundamental rights and principles."
Der Augenmerk geht dabei weniger auf Inhalte, als auf das
Medium, als ob das Medium die Botschaft sei, in einem billigen Missverstehen à
la McLuhan. Remeduren werden also am Medium vorgenommen. Das ist ungefähr so
vernünftig wie das allgemeine Verkaufsverbot von gewissen Küchenwerkzeugen wie
z.B. Messern, weil damit auch Missbrauch getrieben wird.
Als "Impact assessment" wird unter anderem
aufgelistet:
"2. Forbidding internet service providers
to give access to material aiming at public provocation to commit terrorist
offences, recruitment or training for terrorism."
Da es nur eine Frage der Interpretation ist, was schon als
missbräuchlich verwendbares Material zu gelten hat, kann jeder Provider
angehalten werden, Inhalte zu entfernen. Schliesslich hängt die
"Gefährlichkeit" nicht nur von einzelnen Worten (Begriffen, Termini)
ab, sondern vom Sinnzusammenhang. Der jedoch lässt sich auch anders lesen: ein
historischer Text über Stalin oder Hitler ist nicht gleichzusetzen mit einem
Text von Stalinisten oder Hitlerianern, Nazis. Kritik an etwas beinhaltet
Begriffe wie das, was kritisiert wird. Das Aufscheinen inkriminierter
"Zeichen" alleine missachtet eine Binsenweisheit der Sprache: Sinn
liegt nicht in einzelnen Zeichen, sondern in ihren Verbindungen. Das alles wird
vordergründig negiert. Da geht es offensichtlich nicht um Terrorabwehr, sondern
Zensur und Überwachung aus anderen Gründen.
Weiters wird ausgeführt:
"Modern terrorism is eminently global. The
dissemination of propaganda aiming at mobilisation and recruitment as well as
instructions and online manuals intended for training or planning of attacks
via the Internet have an intrinsic international and cross-border character.
The threat is international, and so must be at least part of the answer."
Die Antwort muss also "international" sein. Das
heisst, bei blossem Verdacht bzw. bei Vorliegen gewisser Indizien (Anzeichen,
Zeichen) wird, unabhängig von Intention, Sinnzusammenhang usw., eine strafbare
Provokation gesehen, die geahndet werden muss. Das wäre das Ende freier
Kommunikation.
Dann lesen wir:
"The current proposal foresees
the criminalisation of terrorist linked offences in order to contribute to the
more general policy objective of prevention of terrorism through reducing the
dissemination of those materials which might incite persons to commit terrorist
attacks."
Nun, alles mögliche kann jemanden dazu führen, terroristisch
zu handeln. Müsste man nicht alle Bibliotheken prüfen und von gefährlichen
Büchern und Periodika reinigen? Sind nicht Nachrichten selbst und Zeitungen und
vor allem im Fernsehen über Terrorattacken auch Anleitungen, die Nachahmer
finden? All das müsste verboten werden.
Zum Schluss des Proposals heisst es:
"Public provocation to commit
terrorist offences, recruitment for terrorism and training for terrorism are
intentional crimes. Therefore, nothing in this Framework Decision may be
interpreted as being intended to reduce or restrict the dissemination of
information for scientific, academic or reporting purposes. The expression of
radical, polemic or controversial views in the public debate on sensitive
political questions, including terrorism, falls outside the scope of this Framework
Decision and, in particular, of the definition of public provocation to commit
terrorist offences"
Nett. Aber sind nicht kürzlich Wissenschaftler verhaftet
worden, weil ihre Arbeiten nicht als akademische bzw. obwohl als akademische,
trotzdem aber terrorunterstützend interpretiert wurden? Wissenschaft ist so
wenig frei, wie Kunst. Beide können nur so frei sein, wie die Gesellschaft. Es
gibt keine öffentlichen Sonderzonen. Nur geschlossene. Die Sprache der
EU-Kommission ist pure Newspeak.
Artikel 3, Lit. 1 heisst demnach:
Article 3
Offences linked to terrorist activities
For the purposes of this Framework Decision:
(a) "public provocation to commit a
terrorist offence" means the distribution, or otherwise making available,
of a message to the public, with the intent to incite the commission of one of
the acts listed in Article 1(1)(a) to (h), where such conduct, whether or not
directly advocating terrorist offences, causes a danger that one or more such
offences may be committed;
(b) "recruitment for terrorism" means
to solicit another person to commit one of the acts listed in Article 1(1), or
in Article 2(2);
(c) "training for terrorism" means to
provide instruction in the making or use of explosives, firearms or other
weapons or noxious or hazardous substances, or in other specific methods or
techniques, for the purpose of committing one of the acts listed in Article
1(1), knowing that the skills provided are intended to be used for this
purpose.
In der EU gibt es keine der American Civil Liberties Union
vergleichbar starke Organisation, die sich unionsweit für die Bürgerrechte
einsetzt. Unsere Institutionen sind nationale und schwächer. Das wirkt sich
fatal hinsichtlich der EU-Politik der erweiterten Überwachung und Zensur aus.
Im Artikel "Am Rande des Friedens" aus dem Jahre
1988 schreibt der Schriftsteller Siegfried Lenz (enthalten in: Über das
Gedächtnis. Reden und Aufsätze. Hamburg 1992)
unter anderem über Verfolgungen von Schriftstellern und Journalisten. Es
ist eine unfreiwillige Ironie, wenn sein Kerngedanke, die Essenz seiner Kritik
sich heute auf das "freie" Europa übertragen lässt.
Zensur ist fast immer ein Zeichen von Schwäche. Der Staat
oder die Organisation getraut sich aus bestimmten Gründen nicht, Kommunikation
frei zu ermöglichen. In Ländern wie Russland, Nordkorea oder China ist das ganz
offensichtlich, wenn auch aus verschiedenen Gründen.
Der "Chaos Computer Club bietet Betroffenen Hilfe gegen
Zensur in China", war am 4.8.08 zu lesen. Jener Klub, der selbst von den
deutschen Behörden beargwöhnt wird und immer noch nicht frei vom
Kriminalitätsvorwurf ist. Etliche Mitglieder und Aktionen werden staatlich
beobachtet.
Mit den Hinweisen und Services, wie die Zensur in China
umgangen werden kann, appelliert der CCC auch, dass die deutschen Behörden die
Kriminalisierung endlich einstellen und die Arbeit des Clubs nicht behindern
oder verfolgen (Siehe Beitrag/Pressemitteilung der TU Darmstadt: "Chinas Mauern bröckeln").
Vielleicht mag der obszöne Zirkus, den die Chinesen mit dem
IOC gegenwärtig aufführen, dazu dienen, das Bewusstsein für freie
Kommunikationen zu schärfen. Hier wie dort. Es wäre bitter nötig.
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