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Liquidierung des Scheins: Handls Essays PDF Drucken E-Mail

thumb_kultur_2-07Die Liquidierung des Scheins - zu Haimo L. Handls Kolumnenbuch"schauhör"

Rezension von Karlhein Pichler in der Vorarlberger Zeitschrift "Kultur", Heft 2/2007, Seite 62
 

Vor kurzem ist im Wiener Verlag Viza Edit das neue Buch "schauhör" des aus Feldkirch stammenden Autors Haimo L. Handl erschienen. Handl, der als Literat, Publizist und Berater in Wien und Niederösterreich lebt und seit Oktober vergangenen Jahres auch als Dramaturg am Wiener Pygmalion-Theater tätig ist, versammelt darin über 7o Kolumnen, die in den Jahren 2004 und 2005 wöchentlich als "Wort zum Sonntag" auf der Internet-Plattform www.kultur-online.net erschienen sind.

Der Autor bezeichnet diese Beiträge als Kulturkolumnen, wobei "Kolumne" für diese Art von Texten als ein etwas irreführender Gattungsbegriff erscheinen mag. Dafür sind die Scripts zumeist viel zu lang und zu komplex. Es sind viel eher Essays, welche aktuelle Aspekte aus kulturellen Bereichen wie etwa Bildung, Politik, Gesellschaft und Sprache herausgreifen, und diese minutiös sezieren und analytisch reflektieren.

Sezieren gesellschaftlicher Zustände

Als literarischer Chirurg, der die gesellschaftlichen Zustände entlarvt, bedient sich Handl eines messerscharfen Sprachinstrumentariums. Er beschreibt eine ihm aufstoßende Befindlichkeit, umkreist sie von allen Seiten, um sie dann mit unerbittlichen Sätzen zu entblößen und an den Pranger zu ste len. Die alles zergliedernde Vorgangsweise erinnert dabei in gewisser Weise an aufklärerische Methodiken. Lessing etwa holte bei seinen Anliegen immer weit aus und zog dann die Schlinge sukzessive enger, bis seiner Kritik nichts mehr standhalten konnte.

Dieses Ausholen und auf den Punkt bringen betreibt Handl mit großer Meisterschaft. Und er bedient sich dabei eines gepflegten Ausdrucks. Der hohlen Phrasendrescherei, wie man sie aus der Politik, der Werbung und der Unterhaltungsindustrie kennt, und aber auch dem immer mehr boulevardisierenden Journalistenjargon setzt er eine feine Klinge entgegen. Eine Klinge, die zwar akademisch geschliffen aber dennoch ob der stringent-logischen Formulierungspraxis gut verständlich und einprägsam erscheint.

Der 1948 geborene Kulturallroundler wendet sich mit seinen "operativen Schnitten" hartnäckig gegen die Aufweichung der kulturellen Fundamente der Gesellschaft, gegen obrigkeitliche Nivellierungsversuche und die Scheinhaftigkeit solcher "Missionierungsversuche". Man erkennt in ihm einen notorischen Kämpfer gegen die fortwährenden Versuche, das Sein durch den Schein zu ersetzen, wie sie sich aus dem von Wirtschaft und Werbung postulierten Kommerz ableiten lassen. Und wie ein Bussard jede noch so kleinste Bewegung an der Erdoberfläche registriert, nimmt er jede Ungerechtigkeit in den soziokulturellen Umfeldern wahr, um dann pfeilschnell sein Tintenserum als Gegengift zu injizieren.

Der Moralist

Zweifelsohne bricht aus Handls gesellschaftlichen Analysen auch immer das Besserwisserische durch. Aber man sieht es ihm nach. Der Handl-Kenner Wolfgang Gruber schreibt über ihn: "Handl ist ein Moralist. Nicht moralinsauer, sondern engagiert und enragiert. Er lässt sich nicht simpel 'links' oder 'nichtlinks' zuordnen. Seine Abscheu vor den 'Rechten' ist offensichtlich. Trotzdem ist er kein Parteigänger, kein 'Linker'. Anarchist wird er schon deshalb nicht sein können, weil ihm die Vernunft Barrieren legte; er wäre zu wenig oder gar nicht 'romantisch' dazu."

In bester aufklärerischer Tradition schlägt sich Handl immer auf die Seite der Schwachen. Anschaulich wird dies in Kolumnen wie etwa "Zigeina, Tschuschn, Schwoaze und die Etikette", anhand derer der Operateur gleichzeitig zum Rufer in der Wüste wird.
 
Buchtitel als Programm


Nicht von ungefähr trägt das 276 Seite starke Buch den Titel "schauhör". In ihm verdichtet sich Handls Konzept quasi programmatisch. Einem Seismographen gleich reagiert der Autor auf Erschütterungen, die das kulturelle Gefüge der Gesellschaft erschüttern. Er "schaut" und "hört", um dann unerbittlich mit spitzer Feder zuzustoßen. Und ist er einmal in Fahrt, so ist niemand vor seiner Schreibflüssigkeit sicher, und mag er hierarchisch noch so weit oben stehen. Im Gegenteil, je weiter oben, umso giftiger seine Tinte.
Karlheinz Pichler

Haimo L. Handl, "schauhör"
Broschiert, 276 Seiten, Viza Edit, Wien 2007
ISBN 978-3-900792-22-0, Euro 9,90
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