| Begriffsverwirrung Gewalt |
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Haimo L. Handl über bedenkliche Begriffsverwirrungen hinsichtlich "Gewalt". Gewalt in den Medien ist nicht gleich Gewalt der Medien. Medien können zu Gewaltakten führen. Selten direkt. Manchmal, wenn andere Faktoren förderlich einwirken, indirekt. Oft als Auslöser. Dann aber nur, wenn eine Disposition gegeben war. Die Verrohung der Jugend in unseren (westlichen) Gesellschaften beunruhigt viele. Verständlich. Wenn Vergewaltiger aussagen, dass Videos Vorlagen waren, wenn aus Bekennerschreiben oder -videos von Massenmördern, die meist fälschlich als Amokläufer hingestellt werden von einer sensationsgeilen Presse, hervorgeht, dass sie sich an Filmen orientiert haben für ihren minuziös organisierten Tötungsplan, dann sehen viele in den "Vorlagen", den Filmen, den Gewaltdarstellungen die Ursache. Diese Sicht ist zu simpel. Sie begeht einen Fehler, der vielen Nichtwissenschaftlern unterläuft: sie deuten Korrelationen aus Kausalzusammenhänge. Das ist falsch und wissenschaftlich nicht vertretbar. Bei der Gleichsetzung von physischer Gewalt, der Gewalt von Umständen, die den oder die Betroffene/n zwingt, sich unfreiwillig zu verhalten bzw. die keine freie Wahl mehr zulässt mit medialen Gewaltdarstellungen einerseits und mit virtueller Kommunikation, die sich symbolisch gewalttätiger Formen und Inhalte bedient, ereignet sich der gleiche Fehler, wird irrig oder unlauter Ungleiches gleich gemacht. Der Unterschied der konkreten Realität gegenüber der virtuellen erfährt man spätestens dann, wenn es nicht nur um die Symbolebenen geht, sondern um die konkreten. Haben Sie schon einmal in einem Chat einen Drink offeriert bekommen? Sich bedankt, angenommen und getrunken? Das alles geschieht mühelos über Symbole. Es sind symbolische Gesten. Würden die Teilnehmer sich darauf beschränken, blieben sie durstig. Stellen Sie sich vor, ich lade Sie zum Essen ein. Am Computer. Im Chatroom. Sie sehen die Bilder, vielleicht sogar ein Video, ein interaktives, sie können "teilnehmen", aber die Teilnahme beschränkt sich auf das Virtuelle. Es ist keine konkrete Teilhabe. Keine physischen Entitäten werden existent, sie trinken und essen nicht wirklich. Sie sehen Symbole. Das Gleiche geschieht mit Sex oder Gewalt. Was sie übers und im Netz erhalten, sind Symbole, sind Repräsentationen. Sind immer Zeichen, die für etwas anderes stehen. Wer ein bisschen Semiotik gelernt hat, weiss das. Früher wussten das die Sprachgebildeten. Wer Werther las und sich umbrachte, folgte nicht einseitig einem geheimen Befehl des bösen Autors. Der "Text" hatte, eine gewisse Disposition treffend, etwas im Rezipient ausgelöst, das sich dann in der konkreten Handlung des Selbstmords vollzog. Überschaut man nur die Lektüre, das Buch und die Handlung, kommt man leicht zum "Kurzschluss" als falsche Schlussfolgerung. Es gibt auch seelische Gewalt. Aber sie ist ebenfalls konkret. Vor allem dadurch, dass das Opfer sich ihr nicht entziehen kann, bedingt durch konkrete Abhängigkeitsgründe. Eine Ehefrau, die vom Mann gedemütigt wird, sich jedoch nicht scheiden lassen kann, weil es in ihrer Gesellschaft verboten ist, leidet seelisch an der Demütigung anders als eine Person, die, im Besitz ihrer bürgerlichen Rechte, das demütigende Verhältnis einfach verlassen kann. Dass mediale, also symbolische Gewalt ungleich konkreter, realer ist, wissen alle, die Krimis oder Thriller lesen -? oder auch Märchen! - bzw. Horrorfilme etc. sich ansehen. Auch sind solche Konsumenten deshalb nicht potentielle Mörder, Folterer oder Vergewaltiger. Wäre dem so, müsste die Mehrheit der Bevölkerung verwahrt werden. Liegt in einigen Verdächtigungen, die jetzt so im Schwange sind, ein solcher insgeheimer, misanthropischer Wunsch? Ein ungestilltes Strafbedürfnis, das sich sozial besorgt kaschiert? Das Deutsche Jugendinstitut, das sich zum "Tatort Internet" äussert, argumentiert fahrlässig seicht und banal bzw. wissenschaftlich unhaltbar falsch. Weil es moralisch agiert. Weil es unlauter vermengt. Weil es Wesentliches der Semiotik missachtet und Zeichen für das Bezeichnete nimmt, weil es Symbole, Symbolebenen und Repräsentiertes gleichsetzt, weil es virtuelle Kommunikation der konkreten gleichsetzt. Andere Verwischungen, die auch im realen Leben Platz greifen, sind ebenfalls zu beobachten. Sie werden durch eine gesteuerte, angeheizte Hysterie bezüglich möglicher sexueller Belästigung gespeist: Schon eine Frage kann und wird oft als Belästigung, als "Tat" interpretiert. Entwickelt sich die Prüderie weiter, wird es eines Tages ganz ganz schwierig werden zu "erfragen", ob die oder der andere vielleicht gewillt sei in erotische oder sexuelle Kommunikation zu treten. Fragt wer etwas plump direkt, wird er einem Täter gleichgestellt und muss Verfolgung und Strafe gewärtigen. Ich sehe das nicht als Entwicklung zu mehr Würde und Sensibilität, sondern im Gegenteil als Degenerierung und neurotische Angststeigerung. Das wird sogar auf die virtuelle Ebene verlagert. Dort, wo überhaupt kein realer Zwang herrscht am Schirm zu bleiben, weiter zu chatten, sich dieses oder jenes anzuhören, sogar dort reden die "Experten" von Zwang, behaupten, das Opfer sei gegen ihren Willen gefragt worden usw. Da muss man sofort rückfragen: Wie funktioniert das im gesitteten Realleben? Wird jede Frage mit einer Vorfrage eingeleitet, ob denn die Frage nach dem Willen des Befragten erfolgen darf? Liegt es nicht in der Natur der Frage, dass sie, als Frage, zuerst eine Antwort erbittet? Ist diese Aufforderung zur Antwort ein Zwang? Wenn sie ein Zwang ist, dann nur aufgrund existierender Sozialbeziehungen und entsprechender Kontextfaktoren, nie aufgrund des Kommunikationsaktes. Wenn ein Mädchen im Chatroom chatted und gefragt wird, ob sie ihre Möse zeigt, ist die Frage vielleicht anmassend oder sonst was. Aber sie ist kein realer Zwang, kein Befehl, dem unbedingt, also unfrei, Folge zu leisten wäre. Erstens sind die meisten Interaktiven anonym bzw. als Pseudonyme unterwegs. Keine virtuelle Handlung gewärtigt in der Regel reale Ergebnisse, ausser die Beteiligten verbinden die beiden Ebenen des Virtuellen und Realen. Das ist aber ihre freie Entscheidung. Wird dieses Mädchen also gefragt, dieses und jenes zu tun, zu zeigen, ist es ein Leichtes, den Frager "abzustellen". Sie könnte auch einfach "aussteigen", den Chatroom wechseln usw. Es gibt überhaupt keinen Zwang und keine Gewalt. Alles, was gewalttätig ist, sind die Worte und Bilder, sind Zeichen. Nicht aber konkrete Situationen oder Handlungen. Zu denen könnte es später kommen. Eine Gruppe chatted über Sex, Drogen und Folter, trifft sich dann und vollzieht, worüber vorher kommuniziert worden war. Das wären zwei distinkte Felder und Handlungsbereiche, genauso wie die Kommunikationen distinkt waren: symbolische und reale. In der Regel sind die virtuellen Kommunikationen aber Ersatz für konkrete Handlung. Das ist nicht immer ein Vorteil, in den meisten Fällen ist es ein Verlust, ein Nachteil, was sich in sozialer Verarmung und Vereinsamung und politisch in Indifferenz und Nichtinteresse äussert. Aber das laste ich nicht simpel dem Medium an. Ich bedauere nur jene sozialen Aspekte, die leicht dazu führen. Das heisst, hätte ich konkretes Interesse an Steigerung aktiven Sozialverhaltens bzw. politischem Engagement, setze ich mit Änderungen nicht am Medium an, sondern an und in den Lebenswelten jener, die ich dieser Schicht zuordne und wo ich mit realer sozialer Einbindung versuchte, eine Änderung herbeizuführen. Das Deutsche Jugendinstitut verhält sich wie viele unserer Grossvätergeneration, die nicht viel mehr als das blöde Schundgesetz kannte und meinte über Zensur positiv sozialisierend einwirken zu können. Der Irrtum ist belegt und erforscht. Dennoch plustern sich die Experten auf und schwätzen von Gewalt, wo keine ist, keine sein kann. Aber etwas Anders schwingt noch mit, nicht minder schlimm: eine generelle Infantilisierung und damit einhergehende Unmündigkeit. Wird nämlich virtuellen Kommunikationsteilnehmern so leicht zugeschrieben, dass sie einer Gewalt im und durch das Medium unterliegen, dass sie unfreiwillig sich anhören und sehen mussten, was sie sich anhörten, verdreht man wesentliche Ausgangslagen und Aspekte. An den Computer bin ich nicht gefesselt. Keine Frage ist schon ein Befehl, der nicht simpel zurückweisbar wäre. Jede und jeder kann sofort aussteigen. Was befinden die Fachleute? Sie konstruieren Täter und Opfer. Sie zementieren unmündiges Verhalten, das natürlich nach "Betreuung" ruft. Zugleich dokumentieren sie einen Sozialbankrott: sie sehen ihre Kinder und Jugendlichen durch und über die Medien gewalttätig: als Täter und Opfer. Sie verwischen die wesentlichen Unterschiede zwischen realer und virtueller Sphäre und zimmern damit ein Horrorszenario, dem dann falsch begegnet wird. Eine tauglichere Begegnung wäre über Erziehung, Primärsozialisation und positivere Sekundärsozialisation. In meiner Zeit, als Experten vor dem Schund warnten, haben die Zensuren und Verfolgungen nicht dazu geführt, dass der Schund verschwand. Sie halfen auch nicht zur Steigerung des Bewusstseins, der Sprach- und Literaturkenntnisse. Geholfen hat wenigen eine positive Sozialisation und ein positiver Unterricht, ein Hinführen zum Erkennenkönnen der Qualitäten von "Nichtschund". Heute wiederholt sich die hilflose Idiotie bornierter Pseudopädagogik. Mit neuen Experten. Aber alten Rezepten. Unemanzipiert, einseitig. Und wissenschaftlich nicht haltbar. Trotzdem öffentlich teuer finanziert. Ein Horror.
Lesen Sie dazu auch den Beitrag: Tatort Internet: Sexuelle Gewalt in den neuen Medien . Das Deutsche Jugendinstitut zu einer neuen Bedrohung.
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