| Polo 70: Wahlsonntagsgedanken am Morgen |
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Kolumne von Haimo L. Handl, 1.10.06,
am Morgen des Wahlsonntags in Österreich.
Heute ist Wahltag. Gestern Abend hämmerte der ORF impressiv ein, wie gut, professionell und aufwendig er für das "Megaereignis" gerüstet sei. Nun, wenn es denn eines ist! Die TV-Duelle, wie die meist müden, sonst rüden Schaustellungen fälschlicherweise genannt werden, waren weder Gespräch, noch Debatte. Sie waren schon gar keine Duelle (hätten sie es sein sollen? Wer ist da kampfgeil?).
Was zu wissen war, wusste man schon vorher. Der Wahlkampf bestätigte. Konvertierte etwaige Vorurteile in Urteile bzw. Ahnungen: es ist schlimmer, als es scheint. Worin liegen Unterschiede? In den Personen, im Stil, in Inhalten, in Werten? Alle wollen Arbeit und Arbeitslosigkeit "bekämpfen". Wie das erfolgreich in der freien Profitwirtschaft erreicht werden soll, wird nicht gesagt: seit Jahren beweisen die nationale und europäische Politik ihr Unvermögen darin: der freie Markt ist u.a. auch deshalb frei, weil er privat ist und sich nicht planwirtschaftlich regeln lässt. Der freie Warenverkehr ist höherwertig als der freie Personenverkehr, also das freie Leben der Menschen, die noch gewisse störende Freiheiten verlangen, die man ihnen vorerst noch nicht schadlos ganz vorenthalten darf. Trotzdem nehmen viele in der Bevölkerung dankbar Scheinversicherungen und Schönversprechungen den Politikern ab. Das nächste, von allen erkannte Problem, ist das der Bildung. Falsch, das der Ausbildung. "Bildung" kommt nur noch als Etikett vor, als falsches, weil es nicht mehr um Bildung geht, sondern um Ausbildung, um "Kompetenzen" für den harten Konkurrenzkampf im globalisierten Markt. Es geht um Reihung (ranking), Standort, Nutzen. Es geht nicht um Bildung. Sogar die Grünen machen diese Lüge anpasslerisch mit und reden mehr von PISA und internationalen Vergleichen und Konkurrenz, als von Bildung. Das ist das Gemeinsame: es gibt keine Bildungsidee und Bildungspolitik mehr. Inländer-Ausländer. Das Thema bietet sich an, hochgespielt zu werden. Eigentlich klar. Da der freie Warenverkehr mit dem unfreien Arbeitspersonenverkehr tabuisiert ist, die Bildungsfrage als Ausbildungsfrage von niemanden in Frage gestellt wird, bedarf es eines Bereichs, der erfolgreich als Ventil dient für aufgestaute Frustrationen bzw. als Themenreservoir taugliches Scheinversprechen von Sicherheit: wenn wir die schmarotzenden, hoch kriminellen, sozialbelastenden Ausländer deportieren (man nennt das kultürlich anders!), dann haben wir weniger Probleme: es ist wie beim verzweifelten Patienten, der hofft, dass mit der Operation, mit dem Weg- und Rausschneiden des Tumors, des Krebsgeschwürs, sein armer Körper wieder gesunde. Dafür nimmt er "Nebenwirkungen" in Kauf. Ähnlich scheint es "sozial" für viele zu funktionieren: sie schreiben lebensbedrohende Problem ihrem Krebs zu, den sie radikal behandelt wissen wollen. Sie liefern sich den populären "Ärzten" aus und werden in dem Mass rabiater, als sie Schmerzen spüren. Jene, die Überlegungen zu vernünftigen "Therapien" anstellen, finden kaum Gehör, weil ihre Untersuchungen und Hinweise, dass die Schmerzen vielleicht gar nicht vom vermuteten Krebs herrühren, nicht überzeugen. Man will Sicherheit, besonders in der Krankheit. Umverteilung. Besonders die Sozialdemokraten reden davon. Nicht überzeugend. Ebenfalls im Widerspruch zur Rolle des deregulierten, geschrumpften Staates, im Widerspruch auch zum Mythos des freien Marktes. Glücksversprechungen wie von Kirchen. Das steht der Ausrichtung der Me-Generation, der Top-Egoisten entgegen, die Karriere machenwollen und machen werden. Würde das Umverteilungsproblem substanziell angegangen, müssten die Sozialdemokraten radikal werden oder geworden sein. Aber das sind sie nicht und werden sie nicht. Jene, die radikal geworden waren, scheffelten im profitträchtigen Sinne in ihre eigenen Taschen, in den Banken und sogar im zentralistisch geführten Gewerkschaftsbund. Der Kopf beginnt am Kopf zu stinken und nicht nur in Dänemark ist was faul im Staat. Die Peinlichkeit der öffentlich zur Schau gestellten Un- und Halbbildung der schwadronierenden Populären, Westenthaler und Strache, berührt nur eine Minderheit. Die Mehrheit wird gerade von diesem Mangel, der von ihnen als Authentizität hoher Persönlichkeitsstärke gesehen wird, angezogen. Da waren noch einige andere. Diesmal durften sie sogar im ORF, obwohl quasi Staatsfunk, auftreten. Ein Fortschritt im allgemeinen Rückschritt. Die öffentlich zwangsfinanzierte Firma tat so, als sei sie offen. Wenigstens konnte man also kurz den Vertreter der Liste Martin und der Kommunisten hören. Bei letzterem wünschte ich mir, mehr zu hören. Na, wir werden sehen (oder auch nicht). Das Pressewesen und vor allem der ORF haben also Schützenhilfe geleistet: die Kultur und Politik des "als ob" wird perpetuiert und die Wahl als nationalwichtigstes Ereignis des Jahres verkauft. Als ob es eine Wahl gäbe und es eine wäre. Trotzdem ist es eine. Klar. Aber eine sehr reduzierte, geringe, schwache. Für mich ein stachliger Hinweis, in welcher Unfreiheit mir frech zugemutet wird, in dieser Wahl eine Wahl zu sehen und mich frei zu dünken.
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