Polo 71: Wahlsonntagsgedanken - am Abend PDF Drucken E-Mail

hlh_80Kolumne von Haimo L. Handl, 1.10.06, am Abend des Wahlsonntags, konfrontiert mit den wahrscheinlichen Ergebnissen. 

Die erste Hochrechnung erscheint. Ungläubiges Erstaunen, Überraschung, Befremden, Jubel. Das völlig Unerwartete ist eingetreten: Der Kanzler, der's kann, konnte es nicht und sackte mit seiner Partei um ca. 7% Stimmen ab und wurde von der SPÖ, die trotz BAWAG und ÖGB-Trubeln vergleichsweise wenig verlor, überrundet. Später, in der zweiten Hochrechnung, vergrösserte sich der minimale Vorsprung.

HPM schaffte es nicht, das BZÖ bislang knapp; die Wahlkarten werden hier noch den Ausschlag geben. Die FPÖ legte zu, die Grünen ebenfalls, aber zu wenig, um drittestärkste Partei zu werden; diesen Erfolg konnte der Hetzer einheimsen.

Gusenbauer war selbst überrascht, seine eigenen Genossen auch; viele scheuten sich nicht, die offen öffentlich zu bekennen. Bei der ÖVP dauerte es einige Zeit, bis betretene Erklärungen folgten. Hinter den Kulissen fing schon das Gerangel um Führung, Ausrichtung und Parteirolle an. Nach sechs Jahren Macht wird jetzt so getan, als sei es eine persönliche Beleidigung, wenn der frühere Kanzler jetzt unter einem Kanzler Gusenbauer "Juniorpartner" sein müsse. Politik als eitles Bubensandkastenspiel? Allein in solchen Überlegungen, An- und Mutmassungen zeigt sich eine Kluft zuwischen inszeniertem Staatsmannauftritt und eitler persönlicher Beschränkung. Und zusammen das befremdliche Bild eigentümlicher Demokratieauffassung.

Die grosse Enttäuschung für mich ist der wahrscheinliche Einzug des BZÖ ins Parlament. Dass dieser Wendehals und polithuröse Westenthaler mit seinen opportunistischen Mehrheitsbeschaffern es vielleicht doch schafft, neben den Blauen die andere Flanke borniert xenofobischer populistischer rechter Politik zu vertreten, schmerzt.

Zwei Politiker fielen mit ihren Antworten auf ORF-Reporterfragen höchst unangenehm auf: der Vertreter des Kärntner-BZÖ und HPM. Diese dummdreiste, arrogante Art der Schuldzuschreibung, diese Wehleidigkeit und Belehrungssucht stossen ab. Stimmen aus dem Unterstützervolk der ÖVP klangen ähnlich: die Wahlentscheidung wird einer Portion Dummheit zugeschrieben: das könnte sich rächen (unabhängig, was daran stimmen könnte!).

Trotz und entgegen der Meinungsumfragen, trotz teuerster Werbekampagnen der ÖVP hat die bisherige Regierungspartei nicht gesiegt. Trotz Kriminalfall BAWAG hat die SPÖ die relative Mehrheit erreicht. Es wird interessant werden, ab Montag den Parteienverhandlungen zu folgen. Ein heisser Herbst?

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