Polo 72: Mordfall Politkowskaja PDF Drucken E-Mail
hlh_80Kolumne von Haimo L. Handl, 11.10.06, zum Mordfall Politkowskaja und was er über die Lage des immer diktatorisch werdenden Russlands aussagt.
 
Mordfall Politkowskaja

Der russische Präsident Putin hat am Dienstag den Mord an der Journalistin Politkowskaja scharf verurteilt und dessen Aufklärung zugesagt. Er müsse feststellen, daß es sich um ein "abscheuliches, unakzeptables Verbrechen, eine Greueltat" handele, sagte Putin. Frau Politkowskaja sei zwar eine "scharfe Kritikerin der herrschenden Macht in Rußland" gewesen. Allerdings sei der Grad des Einflusses der Veröffentlichungen der Journalistin in Rußland selbst "äußerst unbeträchtlich" gewesen. Der Mord schade eher "unserer Macht in Rußland und Tschetschenien, das ist offensichtlich", sagte Putin.
So die Agenturmeldung in der Übernahme durch die FAZ am 11.10.06.

In der NZZ vom selben Tag liest sie sich ein klein wenig genauer:
In einer Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte er die Ermordung der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja als "abscheuliches und inakzeptables Verbrechen", das nicht unbestraft bleiben dürfe. Putin sagte weiter, Politkowskaja sei eine scharfe Kritikerin "der geltenden Macht" in Russland gewesen. Ihre Zeitungsartikel seien allerdings nur einem kleinen Kreis von Russen und im Westen bekannt gewesen. Daher schade ihre Ermordung Russland und seiner Regierung sehr viel mehr als ihre Berichterstattung.

Ich hatte im TV die Aussagen übersetzt gehört. In der direkten Rede klangen sie anders. Die Agenturmeldungen sowie die weitere redaktionelle Filterung verwischen den frechen Affront, die völlig inakzeptable Ausdrucksweise des Exgeheimdienstlers und jetzigen Demokratiefeindes und Fastdiktators Putin.

Er verknüpfte nämlich deutlich, nicht nur indirekt, die Mordtat mit der journalistischen Arbeit und wog für diesmal den Mord als schädlicher für die russische Staatsmacht als die journalistische Kritik. Die Botschaft ist eindeutig: Zwar ist der Mord schädlicher (2. Steigerungsstufe), aber die Kritik, die im Übrigen ja unbedeutend gewesen sei, war auch schädlich. Weshalb es zum Mord kam, wenn sie so unbedeutend war, sagt er nicht. Weshalb er sich demaskierend verrät, indem er die Kritik als Gefahr und Schaden an der russischen Staatsmacht hinstellt, ist auch nicht klar. Vielleicht schätzt er realistisch das Beugeverhalten der geschäftsgierigen Deutschen und ihrer Verbündeten ein: der grosse, wichtige, zukunftsträchtige russische Markt ist wertvoller, als "westliche" Werte. Also darf er ruhig zugeben, dass in seinem Land unabhängiger oder kritischer Journalismus einen Schaden, eine Gefahr darstellt, der dem Verbrechen des Mordes gleichkommt. Und wenn es dann so einen Schädling, so eine Gefahrenquelle trifft, dann war es nicht nur Pech, sondern Berufsrisiko. Wie im Bandenkrieg unter Mafiosis.

Anstatt Putin mit und in dieser seiner Rhetorik sofort zu dekuvrieren, wird gefiltert und vernebelt. Das heisst, es wird kollaboriert. Dabei sind noch nicht einmal Fragen gestellt nach direkten Zusammenhängen mit dem Mord von Putins Regierung oder Befehlsempfängern von ihm. Der westliche Journalismus zeigt einmal mehr, ähnlich wie beim feigen Mitmachen der Regierungspropagandaübernahme im Irakkrieg, dass er mehrheitlich weder Qualität hat, noch Courage, sondern einfach "normal" ist im Sinne des Marktes. Abschreibposten.

Putins Russland zeigt immer offener überwunden geglaubte Seiten, die fatal an die schlimme Kommunistenvergangenheit gemahnen. Aber es beweist auch den Rechtsruck in der Europäischen Union und die dumpfe Gewöhnung an den Werteverlust, weil dies nur für eine ganz kleine Minderheit Anlass zum Protest ist. Wir hören stereotype Floskeln, etwas "Futter fürs Volksohr", alles recht vage und nicht verbindlich. Die Geschäfte sollen dadurch nicht gestört werden.

Mit solch schwammiger Rückgratlosigkeit bzw. einseitiger Kooperation aus Geschäftsgründen, werden die unionseigenen Probleme der gefährlichen nationalistischen, teilweise offen faschistoiden Nationalisierungen nicht gemeistert werden können. In Bälde werden die hohlen Worte die geschaffenen Faktizitäten nicht mehr überdecken können und Teile Europas werden ihr undemokratisches, nationalistisches, ja rassistisches Gesicht zeigen. Was dann?

11.10.06

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