Anmerkung von Haimo L. Handl,. 24.3.2008
Zur Lesung am 20.3.2008 von ARTexchange und GLEICHGEWICHT kam eine
kleine Runde zusammen. Die Diskussion war direkt, heftig,
kontroversiell. Positiv. Kein negativer Streit. Austausch und
Anerkenntnis anderer, vielleicht fremder Standpunkte. Ein Autor
wünschte sich mehr solcher Zusammenkünfte. Obwohl eine kleine Gruppe,
zeigte sich die Qualität: Leute, die hören UND sprechen, die sich
einbringen. Konkret. Hier und jetzt.
Das erinnert mich an einen Aforismus von Adorno in seinen "Minima Moralia" (# 83), worin er von der Vertretbarkeit schreibt, die die Gedanken derselben Prozedur unterwerfe, wie der Tausch die Dinge. Weiter: "Die Frage nach der Individualität muß im Zeitalter von deren Liquidation aufs neue aufgeworfen werden." Das war in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, in der Emigration gedacht. Heute, 60 Jahre später, hat sich die Verdinglichung, Entfremdung zugespitzt: die schier totale Verwaltung ist "globalisiert" und schickt sich an, fast unüberwindbar zu werden. Die neue Barbarei, schön verpackt und drapiert, verfestigt ihr Regime. Persönlichkeit, Eigenständigkeit, Authentisches, Genuines werden zur Ausnahme.
"Indem der losgelassene Fortschritt als nicht unmittelbar identisch mit dem der Menschheit sich erweist, vermag sein Gegenteil dem Fortschritt Unterschlupf zu gewähren. Bleistift und Radiergummi nützen dem Gedanken mehr als ein Stab von Assistenten."
Heute, wo die fortschreitende Infantilisierung durch ein Heer von Coaches und Therapeuten perpetuiert und ausgebaut wird, klingen die Worte von Adorno wie ein fernes Zeichen fremder Art. Aber das vielleicht "Fremde" ist so fremd nicht, zumindest nicht per se.
"Jene, die weder dem Individualismus der geistigen Produktion ungebrochen sich überlassen, noch dem Kollektivismus der egalitär-menschenverachtenden Vertretbarkeit kopfüber sich verschreiben möchten, sind auf freie und solidarische Zusammenarbeit unter gemeinsamer Verantwortung angewiesen."
Ja. So ist es. Deshalb treffen wir uns in kleinen Gruppen zu direkten Gesprächen. Weil bei uns noch nicht automatisch Quantität die Qualität bedingt. Weil -
In einem anderen Aforismus bemerkt Adorno (Minima Moralia # 30 "Pro domo nostra", Frankfurt 1951:57f):
Fortschritt und Barbarei sind heute als Massenkultur so verfilzt, daß einzig barbarische Askese gegen diese und den Fortschritt der Mittel das Unbarbarische wieder herzustellen vermöchte. Kein Kunstwerk, kein Gedanke hat eine Chance zu überleben, dem nicht die Absage an den falschen Reichtum und die erstklassige Produktion, an Farbenfilm und Fernsehen, an Millionärsmagazine und Toscanini innewohnte. Die älteren, nicht auf Massenproduktion berechneten Medien gewinnen neue Aktualität: die des Unerfaßten und der Improvisation. Sie allein könnten der Einheitsfront von Trust und Technik ausweichen. In einer Welt, in der längst die Bücher nicht mehr aussehen wie Bücher, sind es nur noch solche, die keine mehr sind. Stand am Anfang der bürgerlichen Ära die Erfindung der Druckerpresse, so wäre bald deren Widerruf durch Mimeographie fällig, das allein angemessene, das unauffällige Mittel der Verbreitung.
Die ZITIG erscheint im Internet, dem neuesten Medium. Sie erreicht viele Leser. Die ZITIG kann nicht als Druckmedium erscheinen, weil die Mittel dazu noch fehlen. Aber so, wie wir die direkten Gespräche pflegen, werden wir bald auch Bücher publizieren, die welche sind, weil sie keine nach den herkömmlichen Marktstandards sind.