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thumb_tibetteppich4Eine kleine Reflexion über Worte & Bilder und Assoziationen von Haimo L. Handl, Ostersonntag 2008

Mit Ruud in ein Cafe. Eine Chinesin führt es. An der Wand Farbfotografien chinesischen Landlebens. Ruud fragt, ungewollt in's Fettnäpfchen tretend: "Tibet?". Die Wirtin antwortet schnell und scharf: "Nix Tibet. China. Wir haben nichts mit Tibet." Oh, ah. Hm. Ja, in Tibet ist's kalt, seit jeh. "Ein alter Tibetteppich", so titelt ein Gedicht der Schüler, verehelichte Lasker, an den geliebten Gottfried. der ihr Tibet war  und Giselheer, der Barbar. Doch er war auch Nazi. Wie konnte nur die Jüdin Else mit diesem Deutschen! Nannte ihn liebevoll "Barbar". Nannte alle Freunde mit andern Namen. War Jüdin und starb alleine in Jerusalem. Hannah war mit Martin. Auch so ein "Schicksal". Politisch unkorrekt. Wie der Tibetteppich. Doch Friedrich wusste, dass nicht nur Tibetaner Mühlen rollen und murmeln, weil sie glauben, und Glauben war und ist nun mal Nichtwissen. Alles Tibet. Alles Teppich?

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die  meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Muind den meine wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

(Else Lasker-Schüler)

  * * *

Der Wert des Gebetes. - Das Gebet ist für solche Menschen erfunden, welche eigentlich nie von sich aus Gedanken haben und denen eine Erhebung der Seele unbekannt ist oder unbemerkt verläuft: was sollen diese an heiligen Stätten und in allen wichtigen Lagen des Lebens, welche Ruhe und eine Art Würde erfordern? Damit sie wenigstens nicht stören, hat die Weisheit aller Religionsstifter, der kleinen wie der großen, ihnen die Formel des Gebetes anbefohlen, als eine lange, mechanische Arbeit der Lippen, verbunden mit Anstrengung des Gedächtnisses und mit einer gleichen festgesetzten Haltung von Händen und Füßen - und Augen! Da mögen sie nun gleich den Tibetanern ihr "Om mane padme hum" unzählige Male wiederkäuen, oder, wie in Benares, den Namen des Gottes Ram-Ram-Ram (und so weiter mit oder ohne Grazie) an den Fingern abzählen: oder den Wischnu mit seinen tausend, den Allah mit seinen neunundneunzig Anrufnamen ehren: oder sie mögen sich der Gebetmühlen und der Rosenkränze bedienen - die Hauptsache ist, daß sie mit dieser Arbeit für eine Zeit festgemacht sind und einen erträglichen Anblick gewähren: ihre Art Gebet ist zum Vorteil der Frommen erfunden, welche Gedanken und Erhebungen von sich aus kennen. Und selbst diese haben ihre müden Stunden, wo ihnen eine Reihe ehrwürdiger Worte und Klänge und eine fromme Mechanik wohltut. Aber angenommen, daß diese seltenen Menschen - in jeder Religion ist der religiöse Mensch eine Ausnahme - sich zu helfen wissen: jene Armen im Geiste wissen sich nicht zu helfen, und ihnen das Gebets-Geklapper verbieten heißt ihnen ihre Religion nehmen: wie es der Protestantismus mehr und mehr an den Tag bringt. Die Religion will von solchen eben nicht mehr, als daß sie Ruhe halten, mit Augen, Händen, Beinen und Organen aller Art: dadurch werden sie zeitweilig verschönert und - menschenähnlicher!
Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, 3. Buch, # 128

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