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Inszenierte Teilnahme PDF Drucken E-Mail

atv-logoATV und der weise Trost, dass das Leben weitergehe. Mit und ohne Kamera. 

Glosse von Haimo L. Handl, 2.10.2008 

Die Holländer * scheinen die Erfindung und Produktion obszöner, zynischer Fernsehprogramme, die eine Pervertierung möglicher, authentischer Teilnahme bewirken und darstellen, erfolgreichst als Industriezweig etabliert zu haben. Die einst als liberal angesehene Gesellschaft ist Heimstatt für Innovationen wie "Big Brother" und ähnliche exhibitionistische Depravierungseinrichtungen wie "Intensive Caring", das heuchlerisch und peinsam die Pseudoanteilnahme bietet. Alles wird zur Unterhaltung. Es gibt keine Scham mehr.

Würde beruht nicht zuletzt auf einer gewissen Distanz. Verstanden als Respekt. Der wird durch diese zynischen Geschäftemacher permanent gebrochen, weil die Distanzen wegfallen. Es ist ein Angriff auf das Private. Aber indem dann in vielen Ländern um Zuseher kämpfende Sender diese Programme übernehmen oder nach Lizenzen herstellen lassen.

In Österreich buhlt ATV, das seinen Ruf als Kuppelanstalt gefestigt hat (Bauer sucht Frau) und auch sonst mit abgehalfterten Popstars (Fendrichs Sing and Win) Jungkonsumenten gewinnt, nachdem mit biedersten, dümmlichen Spiessersendungen die eigentliche Klientel erreicht wird, um weitere Zuseher. Diesmal hat sich Dieter Moor kaufen lassen. Er "moderiert" die Sendung "Das Leben geht weiter".

Viele Zuseher verstehen Rollen nicht. Nachrichtenleser sind meist nicht verantwortliche Redakteure, sondern lesen, was ihnen vorgesetzt wird, Schauspieler sind keine Autoren, sondern spielen Rollen, die ihnen vorgegeben werden. Gleiches gilt für Moderatoren. Viele übertragen aber die Rolle auf den Träger, und deshalb erscheinen einige "g'scheiter" oder fundierter, als sie eigentlich sind. Es macht sich ein falscher Eindruck von Authentizität breit.

Mit dieser Täuschung operiert Moor bzw. der Sender, der Moor kauft und von dem sich der hehre Moor kaufen lässt. Bei ATV heisst es: ""Das Leben geht weiter" ist ein intensives Format, dessen Wirkung mit einem einfühlsamen Moderator steht oder fällt. Mit Dieter Moor hat ATV einen Moderator gefunden, der die richtigen Worte zur richtigen Zeit findet. Der einfühlsam mit den Schicksalen der Patienten und Betroffenen umgeht, Anteil nimmt aber auch aufmuntert."

Semi-Docu-Soap mit dem Nimbus des Moderators, der einfühlsam, anteilnehmend sich gibt und sogar aufmuntert: He, keine Bange, das Leben geht weiter. Du glaubst es nicht? He, Trottel, schau ATV, be a winner! Es geht weiter, auch wenn du nicht willst oder kannst. Dann bleibst du auf der Strecke. Aber das filmen wir und zeigen hautnah, authentisch dein Versagen. Also, beweis' Würde.

Alles wird umgedreht. Öffentlichkeit als Auszeichnung, und die als Trostpflaster. Inszenierung eben. Alles, was solche Sender mit solchen Programmen gestalten, wird beschmutzt, unanständig. Es hat was peinlich-spiessig Voyeuristisches. Billiges. Aber das scheint in der Opferkultgesellschaft en vogue zu sein.


* Eine andere, schätzenswerte Seite der holländischen Kultur vermitteln wir mit "Dutch Touch", NYNADE und anderen Beiträgen aus den Niederlanden.

Comments
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Opferkultgesellschaft
Lechner 2008-10-03 20:09:21

Der Begriff "Opferkult" ist für mich mit der Uminterpretation der Überlieferung vom Leben des galiläischen Wanderpredigers verbunden, der zur Zentralgestalt einer Weltreligion wurde, der er selbst nie angehörte. Sein Charisma, das diesen Aufstieg erst ermöglichte, ist indessen in den offiziellen, verbeamteten Texten nur mehr zu erahnen. Wegen der ausbildungsbedingten Befassung mit den ältesten Textbelegen und den Textanalysemethoden und verwandten Wissenschaften sehen gerade die berufsmäßigen Vermittler dieser Lehre die Diskrepanz zur offiziellen Lehre. Wenn sie von daher den Sühneopfervorstellungen den Abschied geben, ist das Ende der offiziellen Karriere vorprogrammiert.
Irgendwie ist die gegenwärtige Situation zwiespältig. Obwohl mehr und mehr Menschen hierzulande die unlogischen Vorstellungen eines persönlichen Gottes ablehnen, der in die Geschichte und den Ablauf der Dinge in der materiellen Welt eingreift, können sie sich von den sozialisationsbedingt vermittelten Bildern doch nicht trennen. Auf Alternativen zu stoßen, scheint immer schwieriger, obwohl in der Bibel (wie auch wahrscheinlich in den anderen Religionen) durchaus Ansätze zu finden wären.
Life is live (und von daher lebensgefährlich, insbesondere dann, wenn andere der Neid packt, sich mit Geld und Geltung sich nicht den aufsteigenden Rauch erkaufen zu können, gelassen dem eigenen Spiegelbild ins Gesicht zu sehen).
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