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Aus dem Vorwort der Übersetzerin Marya Jonas von Szatánska des Erzählungsbandes "Die Bulgarin und andere Novellen" von Iwan Wasow. Der alte Text (1908 publiziert) wirkt gar nicht so fremd. Er gewinnt an Bedeutung angesichts der Probleme, die das alte Land im neuen Europa der Union hat.
Iwan
Wasow
Die Bulgarin und andere Novellen
Ins
Deutsche übersetzt von Marya Jonas von Szatánska
Leipzig,
Reclam
Vorwort.
Ohne an dieser Stelle tiefer auf
die Schicksale Bulgariens einzugehen, sei nur vorausgeschickt, daß die
Bulgaren, ein ugrisches Volk, ein früherer finnischer Volksstamm im östlichen
Rußland und westlichen Sibirien, von der Wolga vordrang, seit 493 häufig über
die Donau kam und wiederholt, namentlich 502, Streifzüge nach Konstantinopel
machte, 562 unter die Herrschaft der Avaren, eines tatarischen Volksstammes,
kam, sich 660 unter Chan Kuwrat befreite, die Donau überschritt und 680 in dem
heutigen Bulgarien ein mächtiges Reich gründete. Hier verschmolzen die Bulgaren
nach und nach mit der slawischen Bevölkerung und nahmen seit dem 9. Jahrhundert
deren Sprache an.
Als König herrschte Chan Michael. Nach langdauernden Kämpfen
mit den Byzantinern wurden sie 1018 von diesen unterworfen. Die Walachen (die
heutigen Rumänen) Peter und Asow reizten das schwer gedrückte Volk 1186 zum
Aufstand und gründeten darauf das walachisch-bulgarische Reich der Asaniden,
das 1285 - 1299 von den Tataren abhängig war, 1375 von den Türken erobert und
1391 türkische Provinz ward. Durch den letzten russisch-türkischen Krieg und
den Berliner Vertrag 1878 wurde der Grund zu der heutigen politischen
Gestaltung Bulgariens gelegt, nachdem die Bulgaren durch zahlreiche Aufstände
bemüht gewesen waren, das türkische Joch abzuschütteln.
Selten nun hat ein Volk, das
Jahrhunderte hindurch das schwere Joch der Sklaverei getragen, in so kurzer
Zeit, in dreißig Jahren, in sozialer wie geistiger Hinsicht, in Kunst und
Literatur so bedeutende Fortschritte und Erfolge aufzuweisen wie die Bulgaren.
Der harte Druck, unter dem die
Bulgaren seufzten, erweckte - besonders seit dem Verfalle der Türkei - das
Gefühl ihrer Nationalität, Sehnsucht nach Befreiung und eine glühende,
enthusiastische Vaterlandsliebe.
Diese letztere war es, welche die
bulgarische Dichtung schuf. Der Grundton der Poesie und Romanschriftstellerei
war das zu befreiende und das befreite Vaterland.
Die Vaterlandsliebe ist es auch,
die fast durch alle Werke des hervorragendsten und auch im Auslande
berühmtesten bulgarischen Dichters, Iwan Wasow, durchklingt. Und der
Rückwirkung der Tyrannei, die alle edel veranlagten Naturen zu groß- und
warmherzigen Idealisten, zu den aufopferungsfähigsten Menschen erzieht, ist es
wohl zuzuschreiben, daß aus seinen Werken ein so reiner, dem Heldenhaften
zuneigender Geist spricht.
Nehmen wir dazu eine tiefe Bildung,
große Menschen- und Weltkenntnis, den echten, von Herzen kommenden Ton - so
werden wir verstehen, warum sich Wasows Dichtungen und Erzählungen durch so
viel Lebenswärme, deren Eindruck durch den exotischen Hintergrund noch
gesteigert wird, auszeichnen.
Diesen seinen Vorzügen verdankt
Wasow auch die hohe Schätzung und Beliebtheit, die er im Auslande, das seine
Werke gern übersetzt, genießt.
Obwohl sich eine ganze Schar Jünger
und Nachahmer um ihn gereiht hat, steht er noch unerreicht da als der Bulgarei
größter Dichter.
Iwan Wasow, der Sohn
Mintschas, wurde am 27. Juni 1850 (10. Juli unseren Stils) im südlichen
Bulgarien zu Sopot geboren. Sein Vater war ein hervorragender Kaufmann, seine
Mutter eine zumal für jene Zeiten außergewöhnlich gebildete Frau.
Iwan wurde vom Vater für den Kaufmannsstand
bestimmt und in diesem Sinne seine Ausbildung anfänglich geleitet.
Den Anfangsunterricht genoß Wasow
in der Elementarschule des Ortes. Im Jahre 1865 schickte ihn der Vater nach
Kälofer (Ostrumelien) in eine Schule, in welcher der Unterricht in der
griechischen, der damals auf der Balkanhalbinsel für den Handel unentbehrlichen
Sprache erteilt wurde. Doch soll Wasow hier mit Vorliebe die Lesebibliothek der
Schule »studiert« haben ...
Nach einem Jahre brachte ihn der
Vater ins Gymnasium zu Philippopel zwecks Erlernung der griechischen und
türkischen Sprache. Indessen ... anstatt sich hier dem Sprachstudium
hinzugeben, widmete sich Iwan der Dichtkunst ...
So nahm ihn denn der Vater nach
neun Monaten zurück in die Vaterstadt, damit er unter seiner Leitung im
Geschäft praktiziere.
Der Gottesfunken ließ sich aber
nicht verlöschen ... Iwan bekümmerte sich ganz und gar nicht ums Geschäft,
sondern dichtete nach wie vor, und der praktische Sinn des Vaters konnte nicht
gerade erbaut sein, als er auf den Wänden, Ladentischen, ja in den
Handelsbüchern des Geschäftes Poesien des zukünftigen Kaufherren fand ...
1870 ward Iwan vom Vater nach
Rumänien zu Verwandten geschickt, um unter deren Augen erfolgreicher im
Geschäft zu arbeiten.
Die Zeiten waren nicht danach angetan.
Ganz Bulgarien gärte, und große Dinge, die die Befreiung des Landes anbahnten,
bereiteten sich vor. Rumänien beherbergte ganze Scharen bulgarischer
Emigranten. Sowohl die Überzeugung als die sprühende Lebenskraft führten Iwan
in das fieberhafte Treiben der revolutionären Arbeiten. Er gehörte zu Braila
verschiedenen Komitees und den Redaktionen bulgarischer Zeitungen an.
In Braila begann er mit der
Veröffentlichung seiner patriotischen Gedichte. Heimlich verbreitete man diese
in der Bulgarei, wo sie die Herzen entflammten und die Gemüter zu kühnen Taten
anspornten.
Als Wasow im Jahre 1872 nach der
Heimat zurückkehrte, legte er die Feder nicht mehr aus der Hand, wie er auch
die Veröffentlichung seiner Werke nicht unterbrach. Zu dieser Zeit ließ er seine
Dichtungen in einem in Konstantinopel erscheinenden Tagesblatte erscheinen.
Die weitere Entwicklung seiner
Karriere ist eine sehr eigenartige: wir sehen ihn bald als Volksschullehrer,
bald als Bahnbeamten. Die türkischen Gewalttaten, durch den Aufstand 1876
hervorgerufen, zwangen ihn auszuwandern.
Nach der Befreiung Bulgariens
finden wir ihn in Berkowitza als Kreisgerichtspräsidenten. Da er zu diesem
Berufe keine Neigung fühlte, zog er sich zurück und nahm seinen Aufenthalt in
Philippopel, wo er sich ganz der Literatur und Journalistik widmete. Hier war
es, wo er zusammen mit dein Dichter Welitschkow eine Monatszeitschrift »Die
Wissenschaft« und später eine Wochenschrift herausgab.
Am serbischen Kriege nahm er als
Freiwilliger teil. Er kämpfte in den Schlachten bei Zaribrod und Pirot mit.
Während der Epoche Stanislaus
Stambulows lebte er mehrere Jahre hindurch in Rußland. In Odessa schrieb er
seinen hervorragendsten Roman »Unter dem Joche«. Nach der Rückkehr in die
Heimat veröffentlichte er diesen Roman in der »Literarischen Sammlung«, welche
das Kultusministerium herausgab.
Seit dieser Zeit ist Sofia sein
Aufenthaltsort, und ununterbrochen ist er als Schriftsteller tätig.
Im Ministerium Stoilow hatte er
während zweier Jahre das Portefeuille des Kultus inne. Nachdem er dieses Amt
niedergelegt, ward er zum Präses der Literarischen Gesellschaft erwählt.
In Sofia erst begann Wasow seine in
den periodischen Zeitschriften zerstreuten Arbeiten zu sammeln. Auch gab er
jetzt mehrere Bände Gedichte heraus.
Seine Romane erschienen zuerst
unter dem Titel »Erzählungen und Geschichten« - alsdann kamen »Skizzen und
Bilder aus dem Leben der Hauptstadt«. - Ferner Sammlungen von Novellen:
»Gesehenes und Gehörtes« sowie »Die bunte Welt« usf.
Überhaupt hat Wasow sehr viel
gearbeitet und kann mit Stolz auf eine ganz stattliche Reihe von Bänden seiner
Werke blicken.
Es gibt wohl keine Form der Poesie,
die er nicht mit Geist und Glück versucht hätte, und man weiß nicht, was
schöner ist: seine gefühlvolle Lyrik oder seine heldenhaften Gesänge und Dramen
... denn Wasow ist auch dramatischer Dichter - sein berühmtestes Schauspiel
heißt »Die Verschwörer«.
Seine Prosa zeichnet sich durch die
wundervollste Stimmung aus, die Beschreibungen sind ebenso eigenartig wie
farbenreich - hervorragend sind seine Legenden.
Wenn wir noch hinzufügen, daß Wasow
auch als literarischer Kritiker tätig war (er widmete sich den Besprechungen
der Werke von Bulgariens Dichtern aus der Zeit der Wiedergeburt), so werden wir
wohl in dieser knappen Skizze alles erwähnt haben, was den Leser der
»Bulgarischen Novellen« interessieren könnte.
Im Jahre 1895 beging Sofia
feierlichst das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der
dichterisch-schriftstellerischen Tätigkeit Wasows.
Bulgarien sieht in Iwan Wasow
seinen größten Schriftsteller, der auch alle Eigenschaften besitzt, sich
dauernd in dieser Würde zu erhalten.
Krakau, 1908.
Die Übersetzerin.
Iwan Mintschew Wasow (bulgarisch Иван Минчев Вазов,
wiss. Transliteration Ivan Minčev Vazov; * 9. Juli 1850
in Sopot; † 22. September 1921 in Sofia) war ein bulgarischer Historiker,
Schriftsteller, Politiker und einer der Aktivisten der Bulgarischen Nationalen
Wiedergeburt. Zwischen 1897 und 1899 war er Bildungsminister in der Regierung
der konservativen Volkspartei. Er wird heute in Bulgarien als der
"Patriarch der bulgarischen Literatur" angesehen. Das bulgarische
Nationaltheater in Sofia trägt seinen Namen. (Wikipedia)
Marya Jonas von Szatánska, Krakau, ist am 27. Januar
1868 in Graz geboren, schreibt in polnischer, deutscher und französischer
Sprache Feuilletons, Novellen, Kunstkritiken, Aphorismen und die Frauenfrage
behandelnde Artikel.
(Eintrag Zeno.org)
Im Projekt Gutenberg (Deutschland) sind die Texte online.
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