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Bumerang am Heldenplatz PDF Drucken E-Mail
thumb_ruudEine kurze Geschichte von von Ruud van Weerdenburg aus Wien vom 13. April 2002

Und eine Frau mit langem Rücken und Nacken stolzierte auf hohen Absätzen in den kahlen Raum voll von Tischen und Stühlen, mit weißen Ziegeln und Fotos an der Wand - wie eine Gemse, die zeigte, wer hier auf diesem Felspunkt der Herr ist. Bestimmt auch nicht aus Österreich, schoß es Ernst durch den Kopf. Sie könnte aus der Türkei sein, oder aus Argentinien vielleicht. Sie glaubte bestimmt, mit ihrem schwarzen, aufgesteckten Haar und streng bemalten Lippen alle Schwäne aus jeglichen Meeren zu verkörpern - den einen, sublimen - während sie eine Runde drehte. Man sah die Straußfedern zwischen den etwa zwanzig Menschen auf Stühlen, die darauf warteten aufgerufen zu werden - für ein Gespräch, das die Schleuse für einen lukrativem Modeljob mit einem statischen Lächeln in der Zeitung, in einem Blatt oder Wohnungsmöbelprospekt, federn. Markowicz` Meinung nach gab es nur Inländer in die Organisation; bei denen die wirklich viel Geld aus dem Ganzen wurden machen. Selbst kam er aus Albanien, seine Frau auch - al diese, sich selbst für schön oder besonders ansehende Menschen, waren kein original österreichisch Scherflein in dieser Mitteleuropäische Schmelzziegel, schien es ihm. Sylvester-Alones und Bleibend-Junge-Madonnas-Ohne-Das Ewige-Leben-An-Der-Brust auf vielerlei Arten. Allen irgendwie verpflichtet auf dieser plötzliche Weise der Sprung nach dem Geld zu schaffen. Er war für einige Hausmeisteranstellungen neulich resolut abgewiesen.

  Im Gang blieb sie stehen, wohl aber ließ sie ab und zu ihren steifen Hals und streng kontrollierendes Gesicht mit großen Augen sehen - dem Sälchen mit Zentralheizung schien das wohl von einer Schildkröte herzurühren.

  Eben diese Unerreichbarkeit wies Markowicz unmittelbar ab, von Natur aus sozusagen, gleich - da seine Frau, die ihm gegenüber den Fragebogen ausfüllte, das Gegenteil darstellte mit ihren langen schwarzen kleingelockten Haaren, den dunkel geschminkten Augen und glänzend voll gemalten Lippen. Die bot sich geradezu an.

  Ernst Markowicz, fünfzehn Jahre Wien, fünfzehn Jahre Fernsehkultur, machte einen Spaß über das Reiten, das als Hobby angegeben wurde und über die Frage, ob der Unterzeichnete Vegetarier sei. Dessen ganze Familie bot sich der Fotoagentur "Star" im zweiten Bezirk an. Sein fünfjähriges Töchterchen schaukelte mit seinen Beinen in den langen Socken mit bunten Kreisen und schaute zu einem Jungen einer anderen Familie, der fasziniert und ruhig auf sie zugehüpft kam, von einem Bein auf das andere. Er schaute nur sie an, wie durch ein imaginäres Fernrohr. Gerade vorher war derselbe Junge in einem Höllentempo zum Spiegel gelaufen, der die gesamte Rückseite dieses Wartezimmers ausfüllte. Und laut kreischend hatte er auf sein Spiegelbild geschlagen.

  Auch seine Mutter fuhr unberührt fort den Fragebogen auszufüllen.

  "Haben Sie sich schon einmal bei einer Modellagentur beworben, wenn ja: bei welcher?"

  Dieses Warten in einem Raum voller Menschen aller Altersgruppen, die wohl wußten, daß sie einzigartig waren, aber auch im Voraus wußten, daß das nicht jener Teil ihres Wesens war, woran sich die frontale und oberflächliche Außenwelt belustigte, brachte einen Menschen manchmal auf merkwürdige Gedanken inmitten einer langen Zeit keines einzigen. Jeder nach bestem Können gekleidet, was öfter nach einer raffinierten Nachlässigkeit fragte; denn schließlich und endlich sollte bei jenen, die angenommen wurden, der Unterschied zwischen Geld und Befriedigung nicht mehr feststellbar sein. Man versank in den Stühlen und konnte nur mehr auf eine Rettungsboje hoffen. Während genau in diesem Augenblick den 150 Neonazis Tür und Tor geöffnet wurden vom Heldenplatz aus in den Straßen des ersten Bezirks lauthals ihre geliebte Parolen zu skandieren. Das erste Mal seit 1945. Dreizehnten April 2002 war es heute.

  Ernst Markowicz, kurz geschnittenes schwarzes Haar und ein flaumiger Stoppelbart inklusive Schnurrbart, blickte seinen Tochter in einem verlorenen Moment in die Augen. Ihr eingefallenes Gesicht mußte von ihm kommen - seine Frau hatte volle Wangen - und von den aufmerksamen  braunen Augen zeugte sicher die Mutter. Aber sie fühlte nichts von dem, was er sah, wußte er auf einmal mit einem Hinuntertauchen auf eine Ebene des Lebens, die normalerweise nicht für ihn bestimmt war. Alles was er an Geld und Stolz, in dieser Reihenfolge, mit der kleine Sabine verbunden hatte (zehn-, zwanzig-, dreißigtausend Shilling für regelmäßiges Ausleihen an eine Kette von Zeitschriften- und Broschüren- samt Flugzettelverlage, wobei er noch offen ließ, welche weitere Reklamefilme sich vielleicht anbieten würden) verschwand aus seinem Kopf und machte Platz für den durchlässigen Forschergeist, der im Körper und Geist des Mädchens noch eine Einheit formte - worauf Markowicz üblicherweise keinen Zugang hatte. Das Mädchen und er selbst lebten in zwei verschiedenen Zügen, die unaufhörlich an einander vorbeirasten. Das so etwas möglich war, die merkwürdige Verschmelzung von Geschwindigkeit und Stillstand - die wahrscheinlich Wachsen bedeutete. Sabine hatte ihn durchschaut wiewohl das ihre Mutter auch tun konnte, aber dann war Markowicz auch wieder froh von dieser unablässigen Intensität befreit zu sein. Sie hatte den Jungen prüfend beobachtet und er lebte sowieso schon in einem völlig eigenen Tunnel, sei es mit durchsichtigen Rändern. Markowicz kam in diesem ganzen Kapitel überhaupt nicht vor, währenddessen seine Frau über den Fragebogen gebeugt, probierte, das Durchgestrichene wieder gutzumachen. Und er kam atemholend wieder an die doch relativ langweilige Oberfläche des Lebens zurück.

  Vielleicht mußte er bald so handeln, denn Selbstvertrauen besaß er hinter seinem halb fröhlichen Gesicht nicht, daß er, sollten seine Frau und Kind für eine Fotoreihe angenommen werden, verlangen würde, als kleine zeitgenössische Familie in Winterkleidung und Farben der Außenwelt präsentiert zu werden. Auf die eine oder andere Art mußten sie sehen in dieser Branche Fuß zu fassen. Sie wurden schon aufgerufen! Eine Dreiviertelstunde nach ihre Verabredung...(und in einem Raum, noch bevor ihnen der eigentliche Handelsoutfit mit einem riesigen Büro und den Empfangsstühlen mit Lederkissen erschlossen wurde) sahen sie an den Wänden wohl hunderte eiserne Regale mit glänzender Folie, hinter denen Farbfotos von Babies und Kindern aufbewahrt wurden. Das Töchterchen ließ einen kurzen Blick darüber streifen, in dem Augenblick sah Markowicz all die hunderte Regale als Gefängnisse - denen man während der Gewöhnungsphase an das Mannequin-Leben nicht entkommen konnte. Er war kurz wieder dort gewesen, in der Tiefe des kindlichen Schwanenmeeres - aber nicht lange und er sollte es wieder völlig vergessen. Zurück in einem Land das souverän war und nichts mit Grenzen hatte zu tun. Country of childhood, wie Graham Green es ausdrückte. Das Land der Kindheit.

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