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Mosca-Bustamante: Sisyphus und die Relativität PDF Drucken E-Mail

thumb_mosca_vihuelaGeschichte aus dem Erzählungsband "Die magische Vihuela", (Strasshof, Vier-viertel-Verlag 2005, 174 Seiten, Preis: 16,50 Euro, ISBN: 3-902141-15-8, Übersetzung von Gerhard Gies) von dem aus Argentinien gebürtigen und seit 1975 in Österreich ansässigen  Lidio Mosca-Bustamante

 

Der erschöpfte Sisyphus wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er war im Begriff, einen Moment auszurasten, und setzte sich auf einen Stein. Er betrachtete den Gipfel des Berges und den Marmorstein, den er hinaufzuschaffen nicht im Stande war, während sich langsam sein heftiger Atem beruhigte. Da die Sonne seine Haut versengt hatte, war sein ganzer Körper zimtfarben und glänzte schweißbedeckt im Mittagslicht.

Er dachte mit tiefer Sehnsucht an den Verlust von Korinth. Er hatte mit unvergleichlicher Ausdauer diese herrliche Stadt erbaut und hätte sie für immer regieren können. Was hatte ihn dazu veranlasst, Zeus zu verraten? Warum hatte er es sich nicht verkniffen, den Gott Asopus wissen zu lassen, dass jener ihm seine Tochter Ägina geraubt hatte?

So klagte er, während er aufstand, die Hände an den Stein legte und die Füße auf die trockene Erde setzte. Stück für Stück stieg er mit kurzen Schritten bergauf und war mehrfach gezwungen innezuhalten, um seine Position zu ändern. Manchmal musste er den Rücken gegen die riesige kugelförmige Marmormasse stemmen und die Füße mit den Fersen auf der trockenen Erde abstützen. Mit den Handflächen, die wie Feuer brannten, konnte er so ein Abrutschen verhindern. Dann war es wieder notwendig, sich zur Gänze umzudrehen und sie von vorn zu packen, um ein kleines Stück voranzukommen. Er teilte mit großem Geschick seine Kraftreserven ein und atmete sparsam, um sein Vorhaben durchzuführen.

Er wandte den Blick: Es waren nur noch zwei oder drei Meter bis zum Gipfel. Auf Grund der Neigung konnte er den Abstand nicht genau einschätzen. Ein Lichtstrahl wurde vom Stein reflektiert, und er musste die Augen schließen. In diesem Augenblick war er unachtsam, die Knie zitterten, und dann krümmte sich sein ganzer Körper. Nur unter großen Schmerzen konnte er verhindern, von der schweren Masse überrollt zu werden, die einmal mehr hinabstürzte, genau einen Schritt vor dem Gipfel. Er sah sie mit großem Getöse zu Tal rollen, Staubwolken aufwirbelnd, um schließlich liegen zu bleiben und ihn mit höhnischem Schweigen zu erwarten.

Es kostete ihn große Überwindung zurückzukehren, und er verfluchte Zeus dafür, dass er ihn in die Unterwelt geschickt hatte. Eine Mischung aus Hass und Traurigkeit zerfraß sein Inneres. Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, um einen Tränenausbruch zu ersticken. Das Leid, zu dem er verdammt war, war zu viel für ihn. Wie seltsam war doch seine Natur: Auf der einen Seite legte er Thanatos in Ketten und setzte dem Sterben im Land ein Ende, aber er war nicht geschickt genug, den Stein auf den Berg zu befördern. Dann versuchte er sich daran zu erinnern, wie lange er schon in dieser Hölle gefangen war, als er plötzlich einen Mann von mittlerer Größe und athletischem Körper einherkommen sah.

"Ich bin Suphysis", sagte dieser zur Begrüßung.
"Wer hat dich geschickt? Zeus?"
"Nein. Ich bin ein Freigeist. Für mich gibt es keine Götter, die mir helfen oder mich verdammen können. Ich wollte hier vorbeischauen, um einen Spaziergang zu machen."

Der Besucher war weiß gekleidet, seine Brust war unbedeckt, nur eine Lederschärpe mit Metallbeschlägen kreuzte sie. Er trug prächtige Sandalen und an seinen Unterarmen mit Silber verzierte Armreifen.

"Dieser Stein ist ein Unglück für dich, nicht wahr?" Er blickte ihm in die Augen, dann auf den Marmorblock und schließlich zum Gipfel.

"Warum sollte ich es leugnen?" antwortete Sisyphus. "Seit Zeus mich bestraft hat, sagt man, ich sei berühmt und diene als warnendes Beispiel für Millionen Menschen. Außerdem ist man davon überzeugt, dass ich nie werde Buße tun können."

"Lässt du mich dir helfen?"

Die Frage überraschte Sisyphus. Er lächelte ironisch und blickte Suphysis von Kopf bis Fuß an. "Wenn du dich stark und fähig genug dazu fühlst, versuch es ..." Er verschränkte die Arme und wartete darauf, wie sich der Herausforderer anstellen würde.

Er würde das Nachsehen haben. Er, Sisyphus, hatte die möglichen Wege auf den Gipfel studiert, und keiner hatte sich als günstig erwiesen, im Gegenteil, die Unregelmäßigkeiten des Geländes umfasste Zonen, wo die Erde nachgab, sodass die riesige Marmorkugel darin versank, und andere voller Steine, auf denen sie abrutschte. Er kannte bis in Einzelheiten die Unebenheiten auf der Oberfläche des Steins selbst, die Erhöhungen und Vertiefungen verschiedenster Art aufwies.

Suphysis betrachtete die gewaltige Masse, und dann richtete er den Blick auf den Berg. Er stellte sich etwa drei Meter vom Stein entfernt auf und bereitete sich auf den Wettstreit vor. Nach einigen Sekunden legte er die Hände auf die Oberfläche der Kugel und rückte langsam nach oben vor, so gut er konnte. Es schien, dass die Aufgabe für ihn ebenso schwer war wie für Sisyphus. Dieser dachte bei sich, dass er nicht mehr zu tun hatte, als auf den letzten Moment des Aufstiegs zu warten. Er wusste aus Erfahrung, dass jener im besten Fall bei den letzten Schritten abrutschen würde. So amüsierte sich Sisyphus und vergaß für eine Weile seinen Kummer. Außerdem ruhte er sich aus, während sich Suphysis unverdrossen hinauf kämpfte. Die Zeit verging, und als der Mann und mit dem Felsen bei dem kritischen Punkt anlangten, richtete er sich auf, um sie besser stürzen zu sehen. Aber nichts dergleichen geschah. Suphysis gab dem Stein einen kurzen, entschiedenen Stoß und platzierte ihn genau auf der Spitze des Berges. Nachdem er sich versichert hatte, dass er fest auf seinem Platz stand, ging er hinunter zu Sisyphus.

"Wie ist es möglich, dass du das geschafft hast?" fragte dieser.
"Es ist dein Stein, nicht meiner", antwortete Suphysis und ging, wie er gekommen war, bis er sich am Horizont verlor.

 

 


Lesen Sie die spanische Originalfassung hier (Erstpublikation der ZITIG)!

 

Aus der Verlagsankündigung:
Der aus Argentinien stammende und in Österreich lebende Arzt und Schriftsteller selbst bezeichnet seine sensibel formulierten Erzählungen, die dem "magischen Realismus" zuzuordnen sind, als "moderne Märchen". In seinen Geschichten fließen europäische und lateinamerikanische Einflüsse zu philosophischen Gedanken zusammen.
"Mit seinen Büchern ... ist Mosca-Bustamante in Lateinamerika mitunter auf beachtliche Resonanz gestoßen. Doch er ist nicht nur ein argentinischer Schriftsteller, sondern gewissermaßen auch ein österreichischer, der den Brückenschlag zwischen den Kulturen spielerisch zu bewältigen versteht."
APA 3.3.2005

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