Andreas Kirchmair zur Frage des ungeborenen Lebens.
Viele Jubiläen wurden 2005 gefeiert, es war wichtig zurückzuschauen, nicht als Selbstzweck, sondern um für Gegenwart und Zukunft zu lernen. Daher frage ich mich, warum dieses Jubiläumsjahr so vergangenheitsgerichtet verlaufen ist und welches Thema heute so wichtig ist wie vor 50 Jahren der Staatsvertrag. Wie geht es uns heute, 50 Jahre später? Wohlstand, sozialer Friede und hohes Lebensalter auf der einen Seite, Zukunftsangst, zunehmende Entsolidarisierung und Kindermangel auf der anderen - Österreich ein zwar reiches, aber kinder-, hoffnungs- und zukunftsarmes Land, ein "Land, das sterben will" (Paul Zulehner). Was ist da passiert ?
Zunächst eine Frage: Was ist wichtiger als ein Menschenleben? Wenn 30 Verkehrstote/Jahr verhindert werden können, wird Licht auch bei Tag eingeführt, wenn ein Kind verloren geht, sucht es das ganze Dorf. Was aber, wenn über 60.000 Kinder verloren gehen - jährlich?
Einige Sachinformationen zu dem am meisten totgeschwiegenen Thema unseres Landes: 79.000 (2004) geborene zu 60-80.000 abgetriebene Kinder/Jahr, also nur jedes zweite Kind überlebt. Allein in den letzten 30 Jahren wurden bei uns ca. 1,5 - 2 Millionen Kinder plus potenzielle Kindeskinder getötet, die nicht nur in ihren Familien, sondern in unserem Land fehlen - ein Drama von historischem Ausmaß, wobei meist die Väter auf die Mütter Druck ausüben, abzutreiben. Österreich, stolz auf seinen Umweltschutz und neue Tierschutzgesetze, hat den Menschenschutz für Ungeborene vor 30 Jahren aufgehoben. Dicke Mauern des Schweigens, der Verdrehung und der Angst haben die Tötung ungeborener Kinder und ihre Folgen zu einem Tabuthema gemacht - selbst die Kirchen haben sich offenbar arrangiert.
Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung? Eine sinkende Bevölkerungsentwicklung, wenn die Geburtenrate (1,4) so niedrig bleibt (Halbierung innerhalb der letzten 30 Jahre), die bereits erfolgte Kündigung des Generationsvertrags, die Fristenregelung als Trojanisches Pferd im Rechtsstaat (von der Straffreiheit über das Recht zur Pflicht zur Abtreibung), Abtreibungen als "Bombengeschäft" und blühender Wirtschaftszweig. All unsere Systeme forcieren heute eine "Kultur des Todes" mit unglaublich starker Eigendynamik! Haben wir da überhaupt noch eine Legitimation, uns über irgend etwas woanders oder in früheren Zeiten zu entrüsten, solange wir das alles dulden? Der "Krieg gegen die Ungeborenen", gegen unsere Zukunft, der seit vielen Jahrzehnten bei uns geführt wird, hat zahllose Opfer gefordert, nur sind diese Babyschreie stumm, sie brauchen daher unsere Stimme und zukünftig unseren Schutz. Wir müssen eine Entscheidung für Leben oder Tod treffen, radikal und rasch umdenken, besonders wir Männer.
Gastkommentar, Wiener Zeitung, 10. Jänner 2006
DI. Andreas Kirchmair ist selbständiger Unternehmensberater und ehrenamtlicher Vorsitzender des Diözesankomitees Katholischer Organisationen der Steiermark.
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