Wir gedenken. Die, die nicht von selbst sich erinnern oder gedenken, werden gestossen, Gemahnt. Oder kommen sonst nicht aus. Die Geschichte ist weitergegangen, und das Gedenken bleibt vom Vergangenen fasziniert. Vor 70 Jahren Ende des 1. Weltkriegs. Wann endete der zweite? Welche andern Kriege gab es seither? Welche toben gegenwärtig? Zuviel der Fragen?
Haimo L. Handl zum Kriegsgedenken. 11.11.2008
Dann in trauter, politisch korrekter Gesellschaft erinnern und
gedenken, wie es sich gehört. Was sich offensichtlich nicht gehört:
Folgerungen aus dem Gedenken ziehen, nicht nur ge-denken, sondern
denken. Und handeln. Dann gäbe es keine solchen Kriege mehr, die jetzt,
in diesen Momenten, munter exekutiert werden.
Kriege enden, um weiterzugehen. Fortschrittlicher, vernünftiger,
effektiver, effizenter. Die Technik hilft. Für Angehörige von Opfern
werden Requiems zelebriert und Postkarten oder läppische Devotionalien
verhökert. Die Kunst widmet sich dem Thema. Und seit dem 2. Weltkrieg
hat sich eine Erinnerungspflege als profitabler Teil der
Gedächtnisindustrie etabliert, was allerdings keinen der hunderten von
Kriegen seit dem letzten "grossen" ver- oder behindert hat. Alles nur
eine Frage der Optik und Interpretation.
Die Realität beweist, wo nicht selbst erfahrbar, dort empirisch belegt, dass aus der Geschichte nicht gelernt wird. Vielleicht nicht nur trotz der tausenden weltweiten GedenkFEIERN, sondern wegen dieser. Der ritualisierte Zirkus lenkt ab. Macht eigenes Denken nicht mehr nötig. Mitläufer dürfen laufen, wie beim Volkssport.
Aber wenn jemand denkt, stellt er Fragen. Und sucht Antworten. Warum hat sich der Krieg so modernisieren können? Wer verdient daran? Welche Formen haben die Kriege angenommen, dass einige nicht mehr als solche wahrgenommen werden? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Gesellschafts- und Rechtsordnungen, den Wertegefügen und Kriegen? Wem hilft das inszenierte Gedenken? Wie sieht diese Hilfe aus? Was folgt aus ihr?
Der Krieg hat sich in technischer Hinsicht mit den verfügbaren technischen Mitteln modernisieren können, gleichzeitig haben sich auch die propagandistischen Tricks verfeinert, um einen Krieg politisch durchsetzen zu können. Das grundlegende Strickmuster ist jedoch gleichgeblieben: Ein Teil der Bevölkerung wird mit der Aussicht geködert, Vorteile lukrieren zu können (Sicherung der Importwege für strategisch wichtige Rohstoffe wie Öl beispielsweise), den Skeptikern wird medial vermittelt, dass sie in der Minderheit seien und eine Auflehnung mehrheitswidrig und sicher erfolglos sei. Die Eckpfeiler der Machtinteressen an Rüstung und Krieg hat schon Rosa Luxemburg 1913 angesichts der damaligen Vorbereitungen benannt, die Formulierung war ungefähr so: "Endlich befindet sich der Hebel der Kapitalakkumulation in der Hand des Kapitals - mittels der über die Zeitungen verbreiteten veröffentlichten Meinung und des Apparats der parlamentarischen Gesetzgebung." Lehrbeispiele in jüngster Zeit waren die Teilnahmezusagen für die "battle-groups" oder die Absegnung der Aufrüstungsverpflichtung in den EU-Vertragsentwürfen 2005 und 2008.
Nach außen gäbe es ja durchaus respektable Gesellschafts- und Rechtsordnungen, bei genauerem Hinsehen jedoch den Primat des Faustrechts. Sonntags werden Demokratie, Verfassung, Neutralität usw. beschworen, werktags wird erklärt, dass die neuen Gesetze die alten obsolet gemacht hätten ("Lex posterior derogat legi priori"), notfalls werden "Sachzwänge" geltend gemacht. Geflissentlich wird verschwiegen, dass es die gleichen Knilche waren, die auf die neue neuen Gesetze und Verträge hingearbeitet haben, die am Sonntag ihr Gelaber von den "abendländischen Werten2 vom Stapel gelassen haben.
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