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Die Gliederung des Sozialen PDF Drucken E-Mail
thumb_garnitschnig.jpgKarl Garnitschnig über Sozialstrukturen

Karl Garnitschnig

Die Gliederung des Sozialen

 

Der wahre Staatsmann
verfolgt klar und offen seine Absicht:
klar um zu wissen, was zu tun ist,
um dem Weg zu folgen,
offen, um bereit zu sein,
die Botschaften anderer aufzunehmen.

Das soziale Leben stellt sich in unterschiedlichen Formen dar, und es gibt auch unterschiedliche Auffassungen oder Sichtweisen des sozialen Lebens. Diese Sichtweisen fließen auf unsere Ordnungsvorstellungen und die Art und Weise unseres Organisierens des sozialen Lebens ein. Wir brauchen im Weiteren nicht erörtern, dass sich das soziale Leben in unterschiedlichen Formen darstellt. Unser Interesse richtet sich auf unsere Sichtweisen vom sozialen Leben, weil sie es sind, die zu systematisch unterschiedlichen Weisen der Formen des Organisierens des sozialen Lebens in Wirtschaft, Politik, Kultur/Kunst und Religion als seine wesentlichen Erscheinungsformen führen. Soziales Leben organisiert sich zwar auch urwüchsig, aber dann nicht immer in eine wünschenswerte Richtung. Wenn wir es beeinflussen wollen, dann müssen wir uns auch fragen, in welche Richtung wir es tun möchten.

Es stellt sich nun die Frage, ob wir einen Ansatzpunkt für eine Systematisierung von Sichtwei­sen des sozialen Lebens finden, der es erlaubt, die faktisch vorhandenen unterschiedlichen Sichtweisen abzuleiten und damit in ihrer Bedeutung und Relativität zu begreifen. Natürlich müssen wir anerkennen, dass es Mischungen der Sichtweisen gibt, aber diese als solche zu er­fassen, setzt eine Betrachtungsweise voraus, von der wir sie als solche erkennen können.

Gehen wir davon aus - und da dürfte es keine Einwände geben -, dass der geforderte Ansatz- und Differenzpunkt der Sichtweisen des Sozialen darin gefunden werden kann, wie das Ver­hältnis des Menschen zu der ihn umgebenden natürlichen und sozialen Umwelt gesehen wird. Gehen wir weiters von der Annahme aus, dass Personen in ihrem Denken konsequent sind, dann werden sie von der von ihnen angenommenen Bestimmtheit des Verhältnisses aus alle Erscheinungsformen des Sozialen deuten. Es kommt also nun darauf an, die grundsätzlich möglichen Verhältnisse des Menschen zu seiner Umwelt anzugeben. Der Mensch kann sich

1.    als von seiner Umwelt determiniert, bzw. als völlig abhängig von der natürlichen und sozia­len Umwelt – der Mensch als Produkt der Natur,

2.    als abhängig vom gesellschaftlichen Leben und den sozialen Gegebenheiten, die sich gesellschaftsspezifisch herausbilden – der Mensch als Produkt der Gesellschaft,

3.    als freier Mensch, der in der Lage ist, die natürliche und soziale Umwelt, in die er eingebun­den ist, nach eigenen Vorstellungen zu gestalten – der Mensch als Produkt seiner selbst –und

4.    als eingebunden in einen unendlichen Prozess des Werdens, in dem er sich als der Wirklich­keit ehrfurchtsvoll dienend und sich als zu einem immer freieren gesellschaftlichen Leben kommend begreift, verstehen.

Wir können uns nun im Weiteren fragen, wie denn der Mensch als solcher in diesen Verhältnis­sen gesehen wird. Dann ergeben sich Formen der Gegenseitigkeit, des gegenseitigen Aus­tauschs, die von einem bloß instrumentellen Austausch zu vollständiger Wechselseitigkeit füh­ren.

1.    Bloß instrumenteller Austausch zwischen Individuen, die auf einem Machtverhältnis basieren. Menschen werden als nicht frei, sondern als determiniert aufgefasst und maschinenanalog gedacht. In der politischen Version werden die anderen nur soweit beachtet, als sie für die Vermehrung oder Erhaltung der eigenen Macht dienlich sind.

2.    Die Individuen sind gleichberechtigte Mitglieder eines sozialen Systems, in dem alle ein über Normen und Rollenerwartungen geregeltes gesellschaftliches Leben führen. Die Individuen sind in dieses Normsystem sozialisiert aber nicht zu sich selbst gekommen. Auf dem Prinzip formaler Gleichheit allein lässt sich wegen der faktischen sozialen Ungleichheit der Menschen kein gerechtes soziales System aufbauen. Wenn sich die Menschen nicht wirklich anerkennen, verläuft Kommunikation mehr oder weniger verzerrt.

3.    Die Individuen bauen sich ein soziales Leben in wechselseitiger Anerkennung auf. Durch Reflexion der vorgegebenen Normen und Rollenerwartungen bilden sich die Individuen ein bewusst angenommenes Wertesystem. Kommunikation verläuft symmetrisch und daher kann über sie Ungleichheit besprechbar und sukzessive aufgehoben werden.

4.    Das Wertesystem  wird daraufhin reflektiert, wieweit die Individuen sich verwirklichen können. Wechselseitige Anerkennung wird noch dadurch überhöht, als die Individuen bereit sind, auch dann den anderen anzuerkennen, wenn sie keine Wechselseitigkeit erwarten können, aber wissen, dass der andere für seine Selbstverwirklichung Hilfe braucht.

Je nachdem, welcher Sicht man folgt, treten andere spezifische Wertungen in allen Bereichen in den Vordergrund. Dies ist unproblematisch, solange man nicht eine bestimmte Sichtweise verabsolutiert. Sieht man sie in ihrer Relation zueinander, gewinnt man ein differenziertes System und ideologische Fragen werden in vermehrtem Maße zu Sachfragen. Es ist klar, dass Fragen der Wirtschaft auf der Ebene wirtschaftlichen Denkens abgehandelt werden. Da aber die Wirtschaft in das soziale System eingebunden ist und umgekehrt, müssen auf der politischen Ebene jeweils soziale Fragen mitbedacht werden. Geht man vollends vom Prinzip wechselseitiger Anerkennung aus, bemüht man sich die Probleme in einem herrschaftsfreien Dialog zu lösen. Dieser kann aber nicht als naturwüchsig begriffen werden, sondern ist an die bewusste Intention der Dialogpartner gebunden. In dieser Haltung erst könnte sich eine neue politische Kultur entwickeln. Sie entsteht nicht von selbst, sondern ist an den Willen der Dialogpartner gebunden. Also wer will!

Wird ein Standpunkt/eine Sichtweise verabsolutiert entstehen ebenso viele Fehlformen politischen Bewusstseins.

1.    Wird die natürliche und soziale Umwelt nach ihren Gesetzmäßigkeiten ihres Funktionierens gefragt, dann ist das ein durchaus adäquater Umgang mit ihr. Naturwissenschaften und naturwissenschaftlich betriebene Sozial- und Wirtschaftswissenschaften haben ihren Sinn. Wird aber der Mensch auf seine Biologie oder wird sein Handeln auf quasi naturgesetzliches soziales und wirtschaftliches Verhalten reduziert, wird ihm jede Verantwortung abgesprochen. Über einen so verstandenen Menschen kann man beliebig verfügen. Der Mensch ist von sich entfremdet gedacht und wird von sich entfremdet. Sein Personsein reduziert sich auf  beobachtbare Eigenschaften.

Wird die Wirtschaft so konzipiert, wird das soziale Sein des Menschen zum Objekt von Manipulation (Werbung), er wird ökonomisiert. Recht entsteht aus dem Kampf von Einflusssphären, Moral dient der Ausübung von Herrschaft, Kunst ist das, was sich gut verkaufen lässt. Es gelten jene Werte, die sich durchsetzen.

2.    Wird der Mensch auf sein gesellschaftliches Leben als Produkt der Gesellschaft reduziert, spricht man ihm Verantwortung ab. Traut man aber den einzelnen Individuen nicht, glaubt man die Rechte und Pflichten der einem sozialen System Angehörigen nach einem formalen Prinzip von Gleichheit konstruieren zu müssen. Ein solches Recht im Sinne von Rechtsstaatlichkeit zu konstituieren ist in Ordnung, aber zu glauben, man könne auf diese Weise die tatsächliche Ungleichheit von Individuen aufheben, ist eine Illusion. Wird das Recht nicht aus dem Willen der Staatsbürger zu gegenseitiger Anerkennung getragen, werden sich immer wieder Lobbys bilden und durchzusetzen versuchen. Als „demokratisch“ wird dann das bezeichnet, was im Kampf dieser Lobbys und Parteien sich als Recht ergibt. Politik wird zur Durchsetzung von Parteiinteressen degradiert. Wenn dann noch dazukommt, dass sich die Parteimitglieder durch die Mitgliedschaft Pfründe erhoffen, entsteht eine politische Kultur, in der Oligarchie gedeiht.

Natur wird weiterhin ausgebeutet, wenn sich im Interessenstreit nicht die Idee durchsetzt, dass der Grundsatz der Gleichheit sich auch auf die künftigen Generationen zu beziehen hätte. Diese Idee scheint aber in diesem Streit wenig Chance zu haben. Moralisch ist es, den gegebenen gesellschaftlichen Regeln des Zusammenlebens bzw. dem, was sich als Konvention herausgebildet hat, zu folgen. Jeder hat als Staatsbürger bestimmte Pflichten, weil er dafür auch Äquivalente vor allem an Sicherheit genießt. Kunst und Religion haben nur als Verbrämung des öffentlichen Lebens Bedeutung.

3.    Erst wenn sich der Mensch als gesellschaftliches Wesen zu reflektieren beginnt, dabei seine gesellschaftliche Eingebundenheit erkennt und in gegenseitiger Anerkennung mit anderen unter den gegebenen Bedingungen ein gesellschaftliches Leben nach seinen Vorstellungen des Guten entwirft, begreift er sich als selbständig. Er benützt niemand als Mittel für seine Zwecke, sondern gesteht allen anderen einen Selbstzweck zu. Indem es sich als soziales Wesen reflektiert, das bestimmte Rollen spielt, gelingt es ihm, diese eigenständig zu gestalten. Es lernt, sein Handeln und sich in seinem Handeln zu beachten, und lässt sich nicht mehr ausschließlich von außen, von Normen oder von Triebansprüchen von innen lenken, sondern entwirft für sich selbst mit anderen Sinnstrukturen und Vorstellungen eines guten gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Orientierung an einem vorgegebenen Soll, an vorgegebenen Normen und Werten wird zugunsten einer Orientierung an ihrer Rechtfertigung, wieweit sie den gemeinsam entwickelten Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenlebens dienen, aufgegeben. Die vorhandenen gesellschaftlichen Normen werden nur so weit angenommen, als sie im moralischen Diskurs, aus dem Prinzip gegenseitiger Anerkennung zu rechtfertigen sind, oder verworfen oder schöpferisch weiterentwickelt. Die Politik hätte die Aufgabe, Situationen oder ein gesellschaftliches Leben zu ermöglichen, in denen der andere tatsächlich Selbstzweck ist.

Die natürliche und die soziale Umwelt ist der Ort, an dem die Gestaltung zum freien Handeln geschieht. Sie wird nicht zerstört. Jedes Individuum gibt sich selbst ein Gesetz, verpflichtet sich selbst, das freie Handeln der anderen anzuerkennen. Recht kommt erst dann zur Anwendung, wenn sich Individuen den Regeln gegenseitiger Anerkennung entziehen. Weder der Einzelne muss sich der Gesellschaft unterordnen, noch ist die Gesellschaft dazu da, das Wohl des einzelnen und seine Befriedigung zu sichern, sondern die Individuen achten auf das Wohl aller. In einer solchen Atmosphäre können alle ihre konstruktiven, produktiven Kräfte entwickeln. Moral wird nicht auf ein Sollen reduziert, sondern auf dem Willen der Individuen zu gegenseitiger Anerkennung aufgebaut. Kunst wird in ihrem Sinn als Ausdruck der inneren Welt von Individuen verstanden. Religion lebt von der freien Ausübung der Individuen als eine besondere Form der Anerkennung eines umfassenden Du.

4.    Die Bestimmung der Realität im Handeln ist unabschließbar, sie ist vielmehr in einem unendlichen Werden begriffen. Das Individuum versteht sich und die Welt als in einem dauernden Bilden und Leben begriffen. Diese Idee ist mit dem Glauben verbunden, dass in diesem Bilden und Leben alles eine Einheit bildet.

Auch die Natur wird als in einem unendlichen Werden begriffen und der Mensch fühlt sich mit ihr in Einheit. Nichts ist isoliert. In dieser Verbundenheit gibt sich jeder das Gesetz selbst. Wahrhaftigkeit in einem wahrhaften Leben ist Ziel, das er auch zum Ausdruck bringen will.

Der Autor ist Professor am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien; der Beitrag wurde für die ZITIG freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

 

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