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Les damnés innocents de Vorarlberg PDF Drucken E-Mail

thumb_mutombo_coverEin anscheinend immer noch tabuisiertes Thema, Kinder von marokkanischen Besatzungssoldaten in Vorarlberg und Tirol, wird von dem Afrikaner Clément Mutombo, der schon zwei Jahrzehnte in Österreich lebt, in fünf Interviews erkundet und als wissenschaftliche Arbeit in französisch publiziert. Das Thema hätte eine den üblichen Standards entsprechende wissenschaftliche Aufarbeitung verdient. Die dünne Arbeit kommt aber sicher einigen politisch Korrekten entgegen. Das wäre auch ohne die vorgeschobene Wissenschaftlichkeit zu erreichen gewesen, z.B. als Dokumentationsliteratur.

Lesen Sie dazu die Rezension von Richard Langthaler:


Das Buch, derzeit nur auf französisch vorliegend (mit Ausnahme der 6 Interviews, die sich im Annex im deutschen Rohtext finden), will einen Beitrag zur Erforschung und Aufhellung eines Tabus, den "vergessenen historischen Kindern" der (Nach)Kriegszeit leisten. Im konkreten Fall geht es um  Kinder der französischen Befreiungs-/Besatzungsarmee, insbesondere um Kinder von Marokkanern, die gleich nach Ende des Krieges von Mai bis September 1945 in Vorarlberg (und Tirol), dem  französischer Sektor von 1945 bis 1955, stationiert waren.

Den Hauptinhalt des Buches stellen 6 Interviews (125 von 160 Seiten). Die 6 befragten Personen sind sogenannte "historische Kinder", 3 von marokkanischen und 2 von französischen Vätern, das sechste Interview mit einer vorarlberger Landtagsabgeordneten kam durch Zufall wegen Namensgleichheit zustande. Die Interviews sind frei, nur wenig strukturiert und verweisen als Einzelschicksale auf ein größeres historisches Phänomen, nämlich auf jenes von hunderttausenden von Kindern in Europa, die im Umfeld des 2. Weltkriegs von Norwegen bis Frankreich und Italien, von Deutschland und Österreich bis in die Ostländer durch fremde Soldatenväter (Besatzer/Befreier - Besatzungskinder - Bastarde) gezeugt wurden, sei es durch Vergewaltigung, durch Prostitution oder auch im Rahmen von Liebesbeziehungen ("horizontale Kollaboration").

Dieser größere Kontext wird im Vorwort, der Einleitung, einigen Zwischenkommentaren und in der Zusammenfassung umrissen, wobei auf die Notwendigkeit einer gesamteuropäischen Studie verwiesen wird. *)

Zur Charakteristik der 5 interviewten Soldatenkinder, heute 60-jährig:

* die 3 Kinder (2 Frauen und 1 Mann) mit marokkanischen Vätern sind alle in der ersten Jahreshälfte 1946 geboren. Die Mütter waren z.T. sehr jung, haben bei den Eltern gelebt und kamen in Kontakt zu den französischen (marokkanischen) Soldaten, weil diese dort einquartiert waren oder ihre Wäsche herrichten ließen oder auch, weil die Eltern Nazigegner waren und die Befreier zum Trinken und Essen eingeladen hatten. D.h., es handelte sich durchaus um freundschaftliche und auch Liebesbeziehungen. Schließlich hatte der französische Hochkommissar in Österreich General Béthouard die Devise einer freundschaftlichen Armee ausgegeben. Als die Mädchen schwanger wurden, teilten sie dies den (zumeist schon verlegten) Vätern nicht mit, weil sie Angst hatten, dass die Franzosen das Kind wegnehmen und nach Frankreich zur Adoption freigeben würden. Die zumeist dunkleren Marokkanerkinder, als sichtbare Frucht der Beziehungen, wurden  "Marokkanerle" oder "Negerpuppe"  genannt und hatten durchwegs eine schwere Kindheit mit Stiefvätern, Diskriminierung und Beschimpfungen in der Schule. Der Wunsch, etwas über den biologischen Vater zu erfahren, wurde von den Müttern zumeist abgetan, nur wenige bekamen von der Mutter Fotos oder Briefe ausgehändigt. Die schweren psychischen Probleme führten bei einigen zu Alkoholismus und Selbstmordversuchen.

* die 2 Kinder von französischen Vätern, hatten es wegen der Nichtsichtbarkeit der Herkunft leichter, allerdings wurde von den Müttern bei der Heirat jeder Hinweis (Fotos, Briefe) auf die Vergangenheit vernichtet.

Zum Theoretischen Hintergrund:

Der Autor ist Soziologe, selbst afrikanischer Herkunft, und lebt in Wien und Innsbruck; er beschäftigt sich in seiner gesamten akademischen und wissenschaftlichen Laufbahn mit dem Phänomen der Domino-Beziehungen (farbig/schwarz - weiß), zuerst mit den Paaren und neuerdings mit den daraus entstehenden Kindern. Während seiner Lehrtätigkeit in Innsbruck stieß er auf die "Besatzungskinder" im ehemaligen französischen Sektor und hier auf die "Marokkanerkinder" als ein zeitlich engbegrenztes Phänomen (alle Jahrgang 1946).
Vorarlberg und Tirol waren nach dem Krieg durch die prüde katholisch-konservative Moral geprägt, vor allem das Dorf. In diesem Milieu war schon jedes uneheliche Kind eine Frucht der Sünde, Mutter (als "Hure") und Kind wurden schief angesehen und gesellschaftlich ausgegrenzt; war das Kind von einem "Besatzungssoldaten", noch dazu von einem Marokkaner, war es noch schlimmer (auch wenn für manche Vorarlberger die Franzosen Befreier waren). Die unehelichen Nachkriegskinder waren gebranntmarkte Kinder im Dorf, in der Kirche und in der Schule (von Lehrern und Pfarrern offen bloßgestellt als Kinder der Sünde, die nicht in den Himmel kommen würden).

Mutombo sucht in einem Exkurs die Wurzel dieser Verachtung in der Erbsündentheologie des Kirchenvaters Augustinus (S. 83f). Kinder ohne Taufe sind zwar persönlich ohne Schuld, aber mit der Erbsünde befleckt und dürfen deshalb Gottes Angesicht nicht sehen. Soldatenkinder sind ebenfalls persönlich ohne Schuld, dürfen aber ihre leiblichen Väter nicht sehen.

Auch soziologisch-strukturelle Vergleiche von Krieg und Liebe (beide erheben Totalitätsanspruch, Krieg und Liebe/Leidenschaft setzen die Normalität außer Kraft, etc. Solche Liebesbeziehung können auch als Unterwerfung unter den (ehemaligen) Feind gesehen werden).

Die "Sichtbarkeit" (Kinder von Marokkanern (Frankreich) und Afro-Amerikanern) stigmatisiert am meisten - es ist die Macht der Vorurteile (Rassismus). Die Kinder bleiben ein "Fremdkörper", die Geschichte wird zu einem ontologischen Zug, weshalb Mutombo den Begriff der "historischen Kinder" (vgl. S. 91 f) gewählt hat.

Statt des Konzepts des Rassismus verwendet Mutombo jedoch das Konzept des "Parianismus" aus Indien; "Paria" ist ein Individuum außerhalb der Kaste, jeder Kontakt bedeutet eine Verunreinigung, die Ähnlichkeit als Person wird verneint. Eine soziologische Regel aus der Kolonial-Soziologie besagt, dass eine menschliche Gruppe seine Identität durch sein Blut und seinen Gott definiert, von daher ergibt sich die Verachtung des Fremden, wer nicht meinen Gott und mein Blut hat ist ein Fremder, ein Nicht-Mensch, ein Tier.

Zur aktuellen Situation:

Die Interviews wurden 2006 gemacht. Zu einer Zeit, wo die Sprachlosigkeit dieser Kinder sich zu lösen beginnt. Die meisten Marokkanerkinder wollten immer etwas über ihre Väter erfahren, doch es herrschte eisiges Schweigen, die Archive sind verschlossen (in Frankreich  für 70 Jahre). Und erst im Alter und in der Pension konnten sie sich endlich dieser brennenden Frage widmen. Ein in Vorarlberg lebender Marokkaner, Herr Hamid Lechhab (geb. 1962) hatte einen Freundschaftsverein Österreich-Marokko gegründet und kam dadurch mit einigen "historischen Kindern" von Marokkanersoldaten (für Tirol und Vorarlberg etwa 200) in Kontakt; daraus entstand sowohl ein Buch "Mein Vater ist Marokkaner", als auch eine Reise nach Marokko, denn die Suche nach dem Ursprung ist wichtig - eine Rückkehr ins Unbekannt. Bei der Reise, die gemeinsam mit einem ORF-Journalisten organisiert und dokumentiert wurde, gelang es einer interviewten Person, Frau Heidi Braun ihre Familie und ihre Halbgeschwister zu finden; die zufällig interviewte Landtagsabgeordnete war als Historikerin (Suche nach Zeitzeugen aus der Nachkriegszeit) und aus Interesse für interkulturelle Beziehungen ebenfalls mit dabei.

Es wäre zu hoffen, dass Clément Mutombo die Zeit und die Mittel bekommt, aus diesem eher kleinen Ansatz (5 Interviews) seine Habilitation mit einer europäischen Dimension zu entwickeln. Und natürlich auch eine deutschsprachige Fassung zu veröffentlichen, die einen etwas umfangreicheren theoretischen Teil enthält.

*) Es fehlt ein globaler Ansatz für Europa und eine gesamteuropäische Studie. In Österreich haben nur wenige darüber gearbeitet: Prof. Ingrid Bauer in Salzburg (Amerikanerkinder).

Mutombo Clément: Les damnés innocents de Vorarlberg.
Parianisme envers les enfants historiques (1946).
Frankfurt a. M. u.a., Peter Lang 2007, 161 Seiten, 35 Euro


Späte Suche nach dem Vater, Der Standard, 8.1.2008: crossover_standard_080108

 

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