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Pseudowissenschaftliches Tragödiengeschwätz PDF Drucken E-Mail

Haimo L. Handl, 9.8.2007, zu neuen Umtrieben im dunklen Bereich.

 

Die Sakralisierung nimmt zu. Theologen, fälschlich immer noch bzw. wieder als Wissenschaftler gesehen, stärken ihren universitären Einfluss. Filosofen folgen oft auf Fuss und vermengen das unaufgeklärte Denken, operieren oft antiaufklärerisch.

An der Universität Salzburg, seit je ein konservativer Hort, wo der kirchliche Einfluss, wie sonst in der Stadt, ebenfalls seit je überaus stark ist, wird nächstes Jahr eine internationale Konferenz "Facing Tragedies" veranstaltet. (Siehe Hinweis "Call for papers" in der ZITIG.)
 
Veranstalter ist das Zentrum für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg, eine katholische Einrichtung an der katholisch-theologischen Fakultät und (mi)finanziert von der Salzburger Erzdiözese (in Österreich sind die theologischen Fakultäten keine freien universitären Einrichtungen, sondern unterliegen der kirchlichen Kontrolle, ähnlich der Koranschulen, die auch nicht frei wissenschaftlich sind, sondern vom Klerus kontrolliert werden!). Die Konferenz wendet sich an junge Nachwuchsforscher unter 40 Jahren.

Auffällig ist schon die Verquickung und Verbindung distinkter, ungleicher Begriffe bzw. Sachverhalte, wofür die Begriffe stehen. In einer Reihe, also gleichgemacht, werden als Tragödien angeführt "Welthunger und Arbeitslosigkeit, Flüchtlingsdrama, 9/11, Überschwemmungen und Erdbeben, dunkle europäische Geschichtsaspekte".

Die Verbindung folgt einer eigentümlichen Logik: "These are tragic stories unfolding between human failure and natural catastrophes." Aha. Das Wesen des Tragischen, aus vorchristlicher Zeit stammend, war nie menschliches Versagen. Der Kern, das Hauptmoment war das unabhängig von menschlichem Verhalten, also von möglicher "Schuld" hereinbrechende, unabänderliche "Schicksal". Nie spielte das subjektive Moment von Schmerz oder Trauer moralisch begründend herein.

Sogar in der populären Online-Enzyklopädie Wikipedia ist die korrekte Definition nachlesbar:

"Hierbei bedeutet "tragisch" aber nicht - wie in der Alltagssprache häufig verwendet - dass etwas sehr traurig ist, sondern dass jemand aus einer hohen Stellung "schuldlos schuldig" wird und damit den Sturz über eine große "Fallhöhe" erlebt, wie zum Beispiel Ödipus, Orestes oder Hamlet."

Naturereignisse sind jenseits von gut und böse. Natur eignet keine Moral. Die Gleichstellung von Erdbeben mit Terrorakten oder Arbeitslosigkeit ist eine skandalöse Simplifizierung, die nur sozial konstruierte Zustände verdeckt und überhöht, so dass dem Mensch als Opfer nur die Hiobshaltung bleibt, weil er, da tragisch, das Ereignis als unabänderlich anerkennen muss. Tragik kenn keine menschliche Lösung. Tragisches Denken ist in einer aufgeklärten Gesellschaft unmöglich, ein Widerspruch zum Denken und Handeln. Rekurse auf Tragik oder Appelle tragisch zu denken sind rückschrittlich und Versuche, vor das aufgeklärte Denken zu gelangen, neureligiös die Unterwerfung des Menschen unter vermeintliche Unabänderlichkeiten zu legitimieren.

Dem dient auch der Gottesglaube, der vor allem von den Fundamentalisten, den schwerst Geängstigten, propagiert wird. Die Christen, die im Zuge der Aufklärung Terrain verloren hatten, sehen heute ihre Chance durch die Machenschaften der islamischen Fundamentalisten, um ihre vernunftfeindliche, intellektuellenfeindliche, antiaufklärerische Mission wieder zu erstarken. Viele Wissenschaftler, sogar Naturwissenschaftler, neben Filosofen kollaborieren mit Theologen  und Klerikern und Schwätzern in diesem Prozess der Gegenreformation, der Antiaufklärung.

Viele Universitäten geben sich für das un- oder pseudowissenschaftliche Getue her. Die Massenmedien machen mit. Es gibt ganz wenig Kritik. Schreibt ein Bischof oder Kardinal oder gar der Papst ein Buch, überwiegen die positiven Besprechungen, die heftigen Annahmen; Kritik ist kaum zu finden, ganz versteckt. In Österreich publizierte jetzt der säuselnde Kardinal Schönborn sein Buch "Wer braucht Gott?". Die rhetoische Frage ist kultürlich sofort beantwortet: jeder. Und jener, der verneint, ist krank, ist dumm, ist gefährlich, ist falsch, abnorm usw. Angesprochen auf den prominenten Atheisten Richard Dawkins meint der Kirchenfürst sanft abwertend (in einem Artikel in der Presse vom 9.8.2007), dass der bloss ein "fanatischer Atheist" sei, "in der Scientific Community nicht ein wirklich bedeutender Mann". Auf diesem Niveau schiebt der Theologe und Kirchenmann eine atheistische Argumentation weg, degradiert die Argumentation mit der von ihm als niedrig festgestellten wissenschaftlichen Bedeutung des Autors in seinem Feld (Biologie).

(Wenn wer nicht nur den dummen Abwertungen des Kirchenfürsts blind vertrauen will, der möge das Buch "The God Delusion" von Richard Dawkins (London 2006) erwerben; die deutsche Übersetzung erscheint bei Ullstein im September 2007 unter dem Titel "Der Gotteswahn", hat ca. 560 Seiten und kostet € 22,90.)

Keine Gegenfragen. Kein Kommentar, dass Glaube und Glaubensannahmen überhaupt nicht argumentierbar sind, dass Glaube ausserhalb des vernünftigen Diskurses steht, weil wesentliche Diskursregeln von vornherein nicht anerkannt werden von Gläubigen.

In so einem unkritischen Umfeld gilt kein vernünftiges Argumentieren. Da gilt Moral und Ehtik nach Vorstellungen der "guten Menschen", der Korrekten, der Gläubigen. Und da wird Pseudowissenschaft, Humbug, mit öffentlichem Geld in einer Wissenschaftseinrichtung gepflegt.

Dieses unkritische Umfeld ist das bei uns bestimmende und herrschende. Im ORF überwiegen die religiösen Programme die wissenschaftlichen. Astrologen (meist süss säuselnde, lispelnde Damen) erklären Schicksal. Aberglaube glänzt. 

Das 11. Philosophicum Lech (20. bis 23.9.2007) widmet sich ebenfalls der Religion: "Die Gretchenfrage "Nun sag', wie hast du's mit der Religion?" Ein ähnlich "prominent" besetztes Forum zum Thema Atheismus wäre gegenwärtig nicht vorstellbar.

All dies bezeugt eine tiefe Malaise. Die Pfaffen schwätzen wieder nicht nur, sie erhalten bedauerlicherweise vermehrt gesellschaftlichen Einfluss. Einiges davon geht auf das Konto der Islamisten, die gegenwärtig die radikalste antiaufklärerische Macht bilden und ihre Kollaborateure hierzulande.

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